Wenn hier von Selbstverletzendem Verhalten gesprochen wird, so ist damit nicht gemeint, daß sich heutzutage immer wieder Jugendliche kurzfristig selbst verletzen, um das auszuprobieren. Sondern hier ist Selbstbeschädigung als ein Symptom gemeint, beispielsweise der Borderline-Persönlichkeitsstörung, der Posttraumatischen Belastungsstörung oder auch der Dissoziativen Identitätsstörung bzw. Multiplen Persönlichkeitsstörung.

Wie diese Aufzählung schon zeigt, geht es hierbei um psychische Störungen, bei denen entweder alle oder zumindest ein großer Teil der Betroffenen traumatisiert sind. Der Experte für Selbstverletzendes Verhalten und für Traumafolgen, Ulrich Sachsse zu den möglichen Usachen:
»Eine Funktion des SVV ist es, die Überflutung mit Deprivationserlebnissen zu verhindern. Durch die Deprivation als Säuglinge und Kleinkinder und die Vernachlässigung als Kinder sind die Patientinnen immer in Gefahr, von Zuständen innerer Leere, Tristesse, Stillstand und völliger Hoffnungslosigkeit überflutet zu werden. Diese Zustände können manifest werden, wenn SVV und Abusus unterbunden werden wie bei Fixierungen, oder wenn die Patientinnen gegen ihre Selbstbeschädigungsimpulse ankämpfen. « (Sachsse, 2002, S. 152)

Deprivation im Säuglingsalter ist ebenso ein reales Trauma wie sexueller Mißbrauch oder körperliche Mißhandlung. Die »Erinnerung« daran ist nur präverbal engrammiert und inszeniert sich, kann also nicht direkt verbal mitgeteilt werden, so Ulrich Sachsse (2002). In der Therapie geht es daher auch darum, das nicht Faßbare in Worte zu fassen.

Der Alltag bietet für die Betroffenen zahlreiche »Gelegenheiten«, die eine Situation der Einsamkeit, des Verlassenseins darstellen und die sie schnell zur Verzweiflung bringen können.
Es kann sein, daß die Patientin beim Wochenendurlaub in ihre Wohngemeinschaft kommt, und es ist gerade niemand da. Die Stille und Leere der Wohnung kann ausreichen, Impulse für SVV zu mobilisieren, weil unerträgliche, diffuse Empfindungen ausgelöst werden, die mit objektlosen inneren Zuständen verbunden sind. Dies kann selbst dann geschehen, wenn die Patientin weiß, daß in einer Stunde jemand da sein wird. (Sachsse, 2002, S. 152)
Sätze in vorwurfsvoller Haltung wie »Du bist nicht einsam!« machen es den Betroffenen nicht einfacher. Im Gegenteil, das Gefühl des Alleinseins verstärkt sich vielmehr.

»Bei mindestens zwei Dritteln aller SVV-Patientinnen lassen sich klar umschriebene Kindheitstraumata finden: Verwahrlosung, aggressive Mißhandlung und/oder sexueller Mißbrauch«, so Ulrich Sachsse (2002).
Die Betroffenen müssen ständig auf der Hut sein vor Auslösern an traumatische Erinnerungen. In für andere Menschen harmlosen Situationen, kann für treaumatisierte Menschen ein Zusammenbruch, eine Katasstrophe drohen.
Marsha Linehan geht davon aus, daß ihre Patientinnen, das sind überwiegend Frauen, die unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden und sich selbst verletzen in einem invalidierenden Umfeld aufgewaschen sind. Eine solche entwertende und invalidierende Umgebung macht es den Betroffenen nicht möglich, ihre eigenen Gefühle ernst zu nehmen. Von ihnen wird aber erwartet, daß sie ihre Emotionen kontrollieren sollen, ohne daß ihnen vermittelt wird, wie dies möglich ist. Andererseits sind das Zeigen extremer Gefühlsäußerungen oder Probleme nicht selten die einzige Möglichkeit überhaupt Unterstützung zu erhalten. Zu der invalidierenden Umgebung zählt Marsha Linehan auch sexuellen Mißbrauch und körperliche Gewalt. (Marsha Linehan, 1996)
Auch Menschen mit einer Dissoztiativen Identitätsstörung fügen sich selbst Verletzungen zu. Frank W. Putnam zählt zu den Gründen für mögliche stationäre Klinikeinweisungen (nichtsuizidale) Selbstverletzungen (Frank W. Putnam, 2003, S. 318) bei den Betroffenen.
Die meisten diagnostizierten Multiplen werden zur stationären Behandlung eingewiesen, weil die Gefahr besteht, daß sie die Kontrolle über ihre Gedanken oder ihr Verhalten verlieren und sich selbst schädigen. Suizidale Impulse sind der Hauptgrund für stationäre Aufnahmen. (Frank W. Putnam, 2003, S. 318)
Bei Multiplen kann es, so Frank W. Putnam direkt im Anschluß an eine Therapiestunde zu Selbstverletzendem Verhalten, aber auch zu Suizidgesten kommen, wenn der Versuch unternommen wurde, sich traumatischen Erinnerungen zu nähern. Verfolger-Persönlichkeiten, deren Aufgabe es ist, für die Geheimhaltung bestimmter Fakten zu sorgen, sind oft für solche Aktivitäten verantwortlich. (Frank W. Putnam, 2003, S. 254)
Sowie Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung wurden viele Multiple emotional vernachlässigt. Und auch sind sie fast ausnahmslos überaus sensibel für die Gefahr, verlassen zu werden (Frank W. Putnam, 2003) und sie haben oft schon die Erfahrung gemacht, verlassen worden zu sein (Michaela Huber, 1995).
Entsprechend der invalidierenden Umgebung bei Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, die Marsha Linehan sie darstellt, berichtet auch Frank W. Putnam von vergleichbaren Bedingungen im Leben von Menschen mit Dissoziativer Idenitätsstörung. Auch über verschiedene Formen emotionaler Grausamkeit berichten Multiple häufig. Als Kinder wurden sie oft systematisch lächerlich gemacht, herabgewürdigt und verunglimpft (Frank W. Putnam, 2003, S. 73). Auch beschreibt Frank W. Putnam die sexuellen und körperlichen Grausamkeiten, die Multiple schon früh und anhaltend erleben mußten. Manche haben in anderer Form, sei es durch Kriegerlebnisse oder Krankheit sowie Ertrinken mit anschließender Reanimation traumatische Erlebnisse, durch die sie sich in mehrere Persönlichkeiten aufspalten mußten.

Das Symptom der Selbstverletzung steht bei traumatisierten Menschen nicht allein da, unabhängig davon, ob beispielsweise eine Borderline-Persönlichkeitsstörung oder eine Dissoziative Identitätsstörung diagnostiziert wurde. Sowohl für Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung als auch für jene mit einer Dissoziativen Identitätsstörung ist es schwer bis nicht aushaltbar verlassen zu werden- oder, daß allein in der Vorstellung diese Gefahr besteht. In Krisen, wie diesen reagieren sie jeweils beipielsweise mit Suizidversuchen oder auch mit Selbstverletzendem Verhalten, wenn kein anderer Ausweg mehr möglich ist oder sie sich traumatischen Erfahrungen nähern. Sei es in der Therapie oder durch Flashbacks. Oder weil sie in einen unerträglichen Spannungszustand geraten. Dabei gibt es insgesamt gesehen offensichtlich nicht die eine Ursache für die Selbstbeschädigung. Das Selbstverletzende Verhalten kann im Alltag der Betroffenen zahlreiche Funktionen erfüllen. Das gilt auch für Menschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung, die sich selbst verletzen, bei denen ja eindeutig immer eine oder mehrere Traumatisierungen vorliegen.

Literatur:
Huber, Michaela; Multiple Persönlichkeiten, 1995, Fischer
Linehan, Marsha; Handbuch der Borderline-Persönlichkeitsstörung, 1996, CIP-Medien
Linehan, Marsha; Trainingsmanual zur Dialektisch Behavioralen Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung, 1996, CIP-Medien
Putnam, Frank W., Diagnose und Behandlung der Dissoziativen Identitätsstörung, 2003, Junfermann
Sachsse, Ulrich; Selbstverletzendes Verhalten - somatopsychosomatische Schnittstelle der Borderline-Persönlichkeitsstörung, aus: Handbuch der Borderline-Störungen, 2000, Sonderausgabe, Schattauer
Sachsse, Ulrich; Selbstverletzendes Verhalten, 2002, Vandenhoeck & Ruprecht





Selbstverletzendes Verhalten



Monika Kreusel

Zuletzt aktualisiert am 17.04.2006

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