Über Menschen, die sich selbst verletzen wissen viele Menschen nicht will. Haben hier und da was aufgeschnappt. Das muß nicht grundsätzlich alles falsch sein, kann aber auch nur im Einzelfall zutreffend gewesen sein- und wird dann leider nicht selten verallgemeinert.

Hier wollen wir einige der gängigen Irrtümer aufklären richtigstellen:

»Borderliner, das sind doch die, die sich selbst verletzen!«
Erstens klingt das nicht gerade respektvoll gegenbüber Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Einerseits ist es nicht einmal vollkommen falsch. Aber auch nicht ganz richtig.
Zwar zählt das Selbstverletzende Verhalten zum 5. Kriterium der Borderline-Persönlichkeitsstörung. So weit so gut. Aber nicht alle Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung fügen sich selbst Verletzungen zu. Bei ungefähr 20 % ist dies nicht der Fall.
Für die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung nach DSM IV gibt es 9 Kriterien. Um die Diagnose stellen zu können, bedarf es das Zusammenkommen von 5 erfüllten Kriterien. Das Kriterium 5 ist nur eines der möglichen 9. Jemand kann auf den ersten Blick den Eindruck erwecken, unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zu leiden. Bei einer genaueren Untersuchung jedoch kann sich herausstellen, daß dies nicht zutrifft.
Es gibt auch andere psychische Störungen, die mit Selbstverletzendem Verhalten einhergehen können. Gelten Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung als solche, die unter besonders vielen Symptomen leiden, so trifft dies ganz besonders auch auf Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung ebenso zu. Frank W. Putnam beschreibt dies ausführlich in seinem Standardwerk 'Diagnose und Behandlung der Dissoziativen Identitätsstörung'. So kann das Selbstverlteznde Verhalten auch ein Symptom eines Menschen sein, der eien multiple Persönlichkeit ist. Auch andere mögliche Diagnosen sind denkbar, wie wir auf der Seite 'Diagnosen' in diesem Bereich genauer ausgeführt haben.

»Sie hat sich selbst verletzt, also ist sie akut suizidgefährdet und muß sofort geschlossen untergebracht wereden!«
Es kommt zwar vor, daß ein Selbstverletzendes Verhalten in eine akute Suizidgefährdung mündet, aber meist ist dies nicht der Fall. Das Selbstverletzende Verhalten selbst ist weniger als eine suizidale Handlung zu sehen als sehr oft ein verzweifelter Versuch, unerträgliche Spannung, Dysphorie, Depersonalisation oder auch Inhaltlosigkeit zu beenden, wenn nichts anderes mehr hilft. In der Regel tritt dann auch schnell eine vorübergehende Entlastung ein.
Ein energisches Reagieren mit einer geschlossenen Unterbringung bewirkt, daß die oder der Betroffene sich das nächste Mal genau überlegen wird, eine chirurgische Ambulanz aufzusuchen. Es wäre wünschenswert, wenn mehr Chirurgen so weit informiert wären, daß sie ihre Patienten, meist sind es Frauen zukünftig nicht sofort in die nächste 'Geschlossene' verfrachten.

»Sie will wieder mal nur Aufmerksamkeit erregen!«
Im Einzelfall mag es sein, daß eine Frau ihre stark vernarbten Arme demonstrativ vorführt und die Ärmel hochkrempelt, so es es auch wirklich niemandem entgeht, daß sie wieder 'geritzt' hat. Je nachdem kann das und durchaus auch für andere Betroffene sehr unapetitlich und erschreckend wirken. Und irgendwann, kommt es bei der betreffenden Frau regelmäßig vor und man erlebt, daß sie allgemein viel Aufmerksamkeit fordert wird auch ein sonst gutmütiger und geduldiger Mensch wütend. "Mußt du das beim Essen denn unbedingt jedem so zeigen? Es stört mich sehr!" "Ja, das muß sein!" Eine typische Situation, in der regelmäßig ein Streit unter den Anwesenden beginnen kann.
Wir haben hier eine reale Situation wiedergegeben, wie sie denkbar ist. Aber daraus darf keinesfalls geschlossen werden, daß alle Menschen, die sich selbst Verletzungen zufügen Aufmerksamkeit erregen wollen. Es kann auch sein, daß man tatsächlich mal schwitzt und nicht daran denkt, was unter den Ärmeln für andere sichtbar wird. Vielmehr ist es so, daß viele Betroffene beschämt sind über ihr eigenes Verhalten und Entdeckung fürchten. So tragen sie womöglich auch im Sommer lange Kledungsstücke, um ihre Narben geheimzuhalten. Und natürlich kann es auch sein, daß eine Betroffene, die in der Therapie die Selbstverletzungen bearbeitete oder zumindest vorübergehend bearbeitet hat, die Narben nun nicht mehr versteckt. Das bedeutet aber nicht, daß Aufmerksamkeit gesucht werden muß wie in dem obigen Beispiel.

Literatur:
Sachsse, Ulrich; Selbstverletzendes Verhalten - somatopsychosomatische Schnittstelle der Borderline-Persönlichkeitsstörung, aus: Handbuch der Borderline-Störungen, 2000, Sonderausgabe, Schattauer
Sachsse, Ulrich; Selbstverletzendes Verhalten, 2002, Vandenhoeck & Ruprecht





Selbstverletzendes Verhalten



Monika Kreusel

Zuletzt aktualisiert am 16.04.2006

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