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Selbstverletzendes Verhalten kann für die Betroffenen unterschiedliche Funktionen erfüllen. Hier sind die verschiedenen Funktionen beschrieben, die sich bei einzelnen Menschen natürlich nicht gegenseitig ausschließen. Vielmehr sind die dargestellten Funktionen verschiedene Aspekte, wofür die Selbstverletzungen den Betroffenen dienen können, die nah bei einander liegen können. Um helfen und auch selbst das eigene Verhalten verstehen und beenden zu können, ist es notwendig, bei den individuellen Funktionen der Selbstverletzungen zu differenzieren. Dabei können beispielsweise Verhaltensanalyen hilfreich sein, wie sie in der Dialektisch Behavioralen Therapie eingesetzt werden. Das Verstehen allein reicht natürlich nicht aus. Von wesentlicher Bedeutung ist es hierbei, die eigenen Muster einerseits zu erkennen und darüber hinaus rechtzeitig Alternativen zu erlennen und konsequent einzusetzen. So kann dieses selbstschädigende Verhalten auch langfristig beendet werden.

Selbstverletezndes Verhalten als kurzfristiges Beenden unerträglicher Spannung

Eine für sehr viele Betroffene wesentliche Funktion besteht darin, unerträgliche innere Hochspannung zu beenden, die meist keinem bestimmten Gefühl zugeordnet werden kann. Durch das sich Selbstverletzen tritt rasch eine starke Beruhigung ein. In Moment des sich Verletzens wird meist kein Schmerz empfunden, der Schmerz kommt erst später. So kommt es leider immer wieder auch zu sehr tiefen und möglicherweise gefährlichen Verletzungen sowie zu entstellenden Narben. Menschen, die sich so verletzen, beenden damit eine Form der Dissoziation. Diese ist von Anspannung und sich nicht fühlen können gekennzeichnet. Mit der Verletzung kommt das Gefühl zurück, es tritt Ruhe ein.

Was den Betroffenen kurzfristig leider hilft, ist langfristig natürlich schädlich.

Selbstverletzendes Verhalten als Mittel gegen Dysphorie und Depression

Die Selbstverletzung wird im Anschluss oft von den Betroffenen als Niederlage, als Versagen empfunden. Dadurch werden neue Selbstverletzungen provoziert. Beispielsweise Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung können in Situationen der Einsamkeit und des Alleinseins in ein Gefühl der Dysphorie, der Leere und der Inhaltlosigkeit fallen und dadurch überwältigt werden. "Zur Abwendung dieses Zustandes wird die Selbstbeschädigung als Antidepressivum und Antidysphorikum eingesetzt" (Sachsse, 2000, S. 360-361).

Selbstverletzendes Verhalten als Suizid in kleinen Schritten und als Suizidprophylaxe

Einerseits kann die Selbstverletzung dazu dienen, Gefühlen von Schuld und Versagen zu begegnen, diese zu bekämpfen.
Einerseits kann so die Selbstverletzung ein Suizid in kleinen Schritten sein, aber andererseits kann die Selbstverletzung dazu dienen, einen Suizid zu verhindern. Die Selbstbeschädigung kann oft von den Betroffenen im Laufe der Therapie von Suizidimpulsen differenziert werden. Aber es sei zu bedenken, dass das Selbstverletzende Verhalten einen späteren Suizidversuch oder vollendenten Suizid keinesfalls ausschließt. Die Menschen, auf die dies zutrifft, sind eine Minderheit unter allen, die sich verletzen, jedoch darf eine Suizidgefährdung deshalb nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. (Sachsse, 2000, S. 361)

Selbstverletzendes Verhalten als Autoaggeression und Selbstbestrafung

Der Experte Prof. Dr. med. Ulrich Sachsse dazu:

Selbstverltezndes Verhalten als Ausdruck von Autoaggression oder zur Selbstbestrafung scheint psychodynamisch dem fokalen Suizid eng benachbart oder gleichgesetzt zu sein. Nicht jede autoagreesive Selbstverletzungshandlung ist aber parasuizidal intendiert. Viele dieser Patienten empfinden rasende Wut auf sich selbst, wenn sie ihren hohen Ansprüchen nicht gerecht werden, weil die anderen real oder vermeintlich Schlechtes angetan haben oder einfach weil sie sich als "schlechte Menschen" betrachten. Oft hadern sie mit ihrem schweren Schicksal und mit der "ungerechten Welt", nicht selten nachvollziehbar. (Sachsse, 2000, S. 364)

Somit reagieren sie ihre angestaute Wut an sich selbst ab. Das ist dann weniger riskant, als die Wut an denen raus zulassen, die sie verursacht haben, da diese dann Vergeltung üben könnten. So dient die Selbstverletzung auch als Selbtbestrafung. Dies wird verständlich, wenn man den Kontext realer Traumatisierungen bei den Betroffenen berücksichtigt. Der Täter "wirkt" somit auch Jahre später als Täterintrojekt weiter und fordert Selbstabwertung, Selbstverachtung, Selbstbestrafung - oft gerade in Form von Selbstverletzendem Verhalten. (Sachsse, 2000, S. 364)

Selbstverletzendes Verhalten als narzisstisches Regulanz und Anteil der eigenen Identität

Manche der Betroffenen empfinden Stolz und Lust an ihrer Selbstbeschädigung. Diese Gefühle werden oft, so Prof. Dr. Ulrich Sachsse in der Therapie lange verheimlicht. Sie lehnen beispielsweise eine örtliche Betäubung ab, bei der Behandlung der Verletzungen, egal wie weh es tut.
Selbstverletzung kann aber auch offen zur Schau getragen werden. Man denke dabei an Marilyn Manson, der sich in der Vergangenheit auf der Bühne in die Arme schnitt. Oder aber Betroffene tragen ihre Rasierklinge immer um den Hals. Für jeden sichtbar. Sie können sich so als etwas Besonderes fühlen mit ihrer Andersartigkeit. Bei diesen Betroffenen hält sich das Symptom der Selbstverletzung hartnäckig und ist daher nicht leicht zu behandeln.

Selbstverletzendes Verhalten als neurotische Kompromissbildung zwischen Zeigen und Verbergen

Einerseits kann das Zeigen der Narben und neuer Selbstverletzungen eine Anklage bedeuten, andererseits kann der Wunsch bestehen, etwas zu verbergen. So kann das Selbstverletzende Verhalten auch als eine neurotische Kompromissbildung darstellen. (Sachsse, 2000, S. 362)

Selbstverletzendes Verhalten als Antidissoziativum

Wie eingangs dargelegt, können die Betroffenen sich in einem Zustand der Dissoziation befinden, bevor sie sich selbst Verletzungen zufügen. Sie können sich wie 'lebendig tot' fühlen, in einem Zustand der Leere und Dysphorie. Das Beenden der Depersonalisation, die sie nicht ertragen können, ist so Prof. Dr. Ulrich Sachsse die zentrale Wirkung der Selbstverletzung. (Sachsse, 2000, S. 364)

Selbstverletzendes Verhalten als Mittel gegen Derealisation und pseudopsychotische Zustände

Die Betroffenen ziehen sich oft in ihre selbst geschaffene Fantasiewelt zurück oder werden, insbesondere nachts überwältigt von inneren Bildern, "Horrortripps", oft Flashbacks von traumatisierenden Erlebnissen. Wenn sie sich in solchen Momenten schneiden, sind sie befreit von ihrem alptraumartigen Trancezustand und können wieder in die Realität zurückkehren.

Selbstverletzendes Verhalten als Mittel gegen Impulskontrollverlust und Hyperarousal

Bei schnellen Gedankengängen, schnell wechselnden Stimmungen oder instabiler Umgebung kann Selbstverletzendes Verhalten dazu dienen, die Kontrolle zurück zu erlangen. Auch hier wirkt die Selbstbeschädigung beruhigend. Dies ist ein sehr häufiger Grund für Selbstverltezndes Verhalten.

Interpersonelle Funktionen von Selbstverletzendem Verhalten

Es gibt Betroffene, die stolz ihre frischen Wunden zeigen. Aber andere halten ihre Verletzungen so gut wie möglich geheim, tragen auch im Sommer Pullover und T-Shirts mit langen Ärmeln. Eine andere Gruppe, die die Selbstverletzungen anfangs geheim hielt, beginnen in der Therapie ihre Wunden dann demonstrativ vorzuführen.

Immer wieder meinen Laien, das Selbstverletzende Verhalten sei an sich ein "Hilferuf". Das muss so nicht stimmen. Es kann ein bewußter Appell an andere Menschen sein, das ist aber keineswegs immer so.

Menschen, die sich selbst verletzen, lösen widersprüchliche Gefühle aus und senden auch widersprüchliche Signale an ihr Umfeld aus. Sie können ihre Gefühle und Befindlichkeit noch nicht in Worte fassen. Brauchen daher das Mittel der Selbstbeschädigung, um zu kommunizieren. Das kann für nah stehende Menschen schwer auszuhalten sein. Auch für Therapeuten ist das nicht einfach.

Dazu der Experte Prof. Dr. med. Ulrich Sachsse:

"Patientinnen mit Selbstverletzendem Verhalten kommunizieren bei einem wenig strukturierten, beziehungs- und konfliktzentrierten Therapieangebot oft widersprüchliche Signale, die sich gegenseitig ausschließen. Das ist typisch für den Double-bind. Sie sagen etwa "Ich lasse mich nicht stationär aufnehmen!" und vermitteln averbal "Ich brauche Hilfe und Außensteuerung". Das provoziert im Interaktionspartner krass widersprüchliche Empfindungen, die zwischen intensiver Hilfezuwendung und sadistischer Gegenwehr hin- und herpendeln können. (Sachsse, 2000, S. 364)

Die anfängliche Hilfsbereitschaft kann in blanken Hass und kalte Ablehnung umschlagen in solchen Situationen, wenn die Patientin alle Angebote als nicht gut genug, nicht richtig zurück weist und sich auch schon verletzt hat. "Die vollzogene Selbstbeschädigung wirkt als Signal, dass die Umwelt zu insuffizient, zu schlecht war, um halten, trösten und bewahren zu können, und dass sie in einem Akt masochitsischen Triumphs gestraft und bezwungen wurde." (Sachsse, 2000, S. 364)

Prof. Dr. Ulrich Sachsse Prof. Dr. Ulrich Sachsse © www.ulrich sachsse.de

Selbstverletzendes Verhalten als Flucht vor sozialer Überforderung

Es ist nicht so oft der Grund, aber es kommt durchaus vor, dass Betroffene sich aus einem Gefühl der Überforderung heraus selbst verletzen und somit die Patientenrolle suchen, um so ihrer Verantwortung entgehen wollen. Dieser sekundäre Krankheitsgewinn steht nicht am Anfang, erst wenn sie in ihrer Rolle als Patientin oder Patient erfahren haben, welche Auswirkung die Selbstbeschädigung hat, werden sie sie dann instrumentell einsetzen (vgl. Sachsse, 2000, S. 364)

Wie zu sehen ist, sind die möglichen Funktionen des Selbstverletzenden Verhaltens vielfältig. Oftmals dient die Verletzung des Körpers so der verzweifelten Selbsthilfe, wenn nichts anderes mehr hilft. Und es gibt nicht den einen Grund, warum die Betroffenen dies tun.

Literatur:

Sachsse, Ulrich; Selbstverletzendes Verhalten - somatopsychosomatische Schnittstelle der Borderline-Persönlichkeitsstörung, aus: Handbuch der Borderline-Störungen, 2000, Sonderausgabe, Schattauer

Sachsse, Ulrich; Selbstverletzendes Verhalten, 2002, Vandenhoeck & Ruprecht

Empfohlene Internetseiten:

Prof. Dr. med. Ulrich Sachsse

Dachverband Dialektisch Behaviorale Therapie e.V.

Dr. Christian Stiglmayr



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Zuletzt aktualisiert am 15.11.2010

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