Wer uns besucht, wird direkt die gemessen ander Größe unserer Wohnung unzähligen Bücher bermerken. Ich (Monika) blicke zurück auf Zeiten nahezu völliger Isolation und intensiven Lesens vieler Bücher. In diesen Zeiten war ich verloren in der Welt der Bücher. Sie wurden buchstäblich zum Ersatz für Kontakte zu anderen Menschen.

Du wirst vielleicht denken: "Klar, sie hat ja studiert, kommt aus einer intelektuellen Familie, ist sehr intelligent..." Klar, dann liest man viel. Aber ich bin auch in diversen Kölner Hochschulbibliotheken als Vielleserin bekannt und dort damit wiederholt aufgefallen. Und das bereits vor Beginn meines Studiums. Romane wirst bei bei uns kaum finden, allerdings etliche esoterische Bücher sowie Bücher über Achtsamkeit, vor allem von Thich Nhat Hanh.

Zeitweise ging es so weit, daß ich nicht mehr aufhörte zu lesen und die Bücher als Mittel der Diskussion empfand. Beim Lesen durfte ich sein, wie ich bin, die Bücher stellten keine Erwartungen an mich, wie ich eigentlich sein müßte. Ganz anders, als ich dies im Kontakt zu anderen Menschen erlebt habe. Dort bin ich "anders", nicht wie andere Menschen. Bereits in der Schule hieß es, man müsse mich ablehnen (und mobben...), weil ich "anders" sei. Einmal kam ich mit 13 Jahren mit gebrochener Nase aus der Schule nach Hause.

Ich bin nach wie vor eine Leseratte, aber die Bücher sollen für mich kein Ersatz mehr sein für Beziehungen zu Menschen. Es ist schwer für mich, mich allein unter Menschen zu begeben, das macht mir Angst, ich bleibe Zuschauer. Große Menschenmengen sind für mich eine Reizüberflutung und ein Graus, mich ängstigt das. Bereits während meiner Berufsausbildung als Einzelhandelskauffrau hatte ich erhebliche Probleme damit, dennoch bekam ich im dritten Ausbildungsjahr vom Geschäft einen goldenen Ring zu Weihnachten, den ich noch immer gerne trage, weil ich immer so freundlich und hilfsbereit sei. Der erlernte Beruf erwies sich als sehr ungeeignet, gerade eben aufgrund meiner Persönlichkeitsstörung. Freundlichkeit und Fleiß sind hier eben nicht alles.

Meine Bildung und mein Wissen sind mir sehr wichtig, das sind Schätze, die mir niemand nehmen kann. Ich denke, das ist zu trennen von dem exessiven Lesen in Zeiten völligen Rückzugs. Als wir uns wegen massiver Bedrohungen vertecken mußten vor Jahren, habe ich begonnen, Bibliotheken zu "plündern" und viel zu lesen.

Nachdem diese Zeit vorbei war, haben wir uns am Abendgymnasium Köln angemeldet und in zwei Jahren das Abitur nachgeholt. Anschließend haben wir vier Jahre Psychologie studiert. Solange, bis wir dies wegen Reizoffenheit abbrechen mußten. Ich begann alles wie ohrenbetäubenden Lärm zu hören.

In einer Klinik wurde mir vorgehalten, meine Ausdrucksweise sei Teil meiner (schizotypischen) Persönlichkeitsstörung und halte andere Menschen von mir fern. Ich selbst sehe meine Ausdrucksweise mehr als eine Kompetenz, die meinen familiären Hintergrund und meine selbst später angeeignete Bildung widerspiegelt. Und mittlerweile bin ich auch offener für andere Themen als die meiner zahlreichen Fachbücher. Und in unserer Wohnung gibt es mittlerweile viele andere Dinge außer vorwiegend Bücher. Viele unserer gemalten Bilder hängen an den Wänden, wir haben sehr viel Kosmetik und Unmengen Schminkzeug...

Ich habe dies alles deshalb aufgeschrieben, stellvertretend für andere Betroffene, für die das Lesen ein Ersatz ist für reale soziale Kontakte.



Schizotypische Persönlichkeitsstörung



Monika Kreusel

Zuletzt aktualisiert am 15.02.2007

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