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In ihrem Buch beschreibt Sabrina Tophofen ihr Leben als Straßenkind in Köln. Mit 10 Jahren kam sie in Duisburg in ein Heim. Aus diesem haute sie ab und fuhr mit der S-Bahn nach Köln. Ich selbst kenne Sabrina seit Anfang Juli 1997 aus dem Mäc-Up, einer Einrichtung des Sozialdienst katholischer Frauen Köln e.V. für Mädchen und junge Frauen. Auch ich war damals obdachlos. Mehr zum Buch von ihr ist unten links zu lesen.





So lange bin ich vogelfrei
Mein Leben als Straßenkind

Sabrina Tophofen

In Zusammenarbeit mit Veronika Vattrodt

9,95 € [D]  ISBN 978-3-40106550-2
Arena, Juli 2010


Mit elf Jahren reißt Sabrina aus einem geschlossenen Heim in Duisburg aus und flüchtet mit der S-Bahn nach Köln. Am Hauptbahnhof steigt das zierliche kleine Mädchen aus- ohne irgend jemanden zu kennen oder zu wissen, wo sie leben kann. Ihr Leben auf der Straße beginnt...

Dieses Buch ist kein Roman, sondern gibt die wahren Erlebnisse der mittlerweile dreißigjährigen Sabrina Tophofen wieder. Was neu ist für mich beim Schreiben dieser Rezension: Ich kenne Sabrina sehr gut. Denn auch ich war obdachlos und wir lernten uns 1997 im Mäc-Up, einer sozialen Einrichtung des SkF Köln e.V. kennen. Ich selbst bin zehn Jahre älter und kam erst als Erwachsene wirklich auf die Straße. Mit dreizehn Jahren bin auch ich nach Köln abgehauen, allerdings kam ich schnell wieder nach Hause. Damals habe ich einige Straßenkinder gesehen. Aber keines war so jung wie Sabrina.

1990 begann ich in Köln meine Berufsausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel in einem Schuhgeschäft auf der Schildergasse. Mein täglicher Weg zur Arbeit und wieder zurück führte über die Domplatte und auch durch den Hauptbahnhof. Dieser war damals verhältnismäßig trist. Die Colonaden, also die ganzen Geschäfte und was es sonst in dieser Form dort gibt, existieren erst seit Ende der Neunziger. Nachts konnte der Hauptbahnhof schon ein wenig unheimlich und beängstigend wirken, dunkel und grau. Es hielten sich auch jede Nacht dort Menschen auf, denen ich nicht einmal unbedingt tagsüber, geschweige denn nachts begegnen möchte...

Als Sabrina 1992 im Kölner Hauptbahnhof aussteigt, ist es mitten in der Nacht. Die Domplatte wird Teil ihres Lebens auf der Straße sein für mehrere Jahre. Sie findet schnell Freunde unter anderen Straßenkindern. Eins dieser Straßenkinder ist Jenny, auch sie werde ich fünf Jahre später kennenlernen. Aber Sabrina ist mit ihren elf Jahren die Jüngste von ihnen. Täglich gehe ich durch den Hauptbahnhof über die Domplatte, um schließlich zur Schildergasse zu gelangen, wo sich mein Ausbildungsbetrieb befindet. Sicher kreuzen sich schon jetzt unsere Wege. Aber im Gewimmel der hektischen Millionenstadt mit zahlreichen Touristen, die täglich die Stadt und vor allem auch den Dom besuchen, nehme ich das zierliche kleine Mädchen gar nicht wahr. Viel zu sehr bin ich gedanklich damit beschäftigt, welche der hochwertigen Schuhe ich mir im Geschäft kaufen könnte, ich bekomme ja reichlich Prozente. Auch allgemein bin ich sehr viel mit meinem Äußeren beschäftigt. Bereits jetzt lese ich aber auch viel.

Sabrina hat Angst, aufzufallen und so in das Heim zurück gebracht zu werden nach Duisburg. Schon mit ihren elf Jahren hat sie einiges erleben müssen, was ihre Seele erschüttert. Mit zehn Jahren verläßt sie bereits ihr Elternhaus und kommt in ein geschlossenes Heim. Sie entwickelt sich zu einer Kämpferin, die es schafft auf der Straße zu überleben - und ihr schließlich auch zu entkommen.

Nur langsam kann sie Vertrauen entwickeln und sich auf einen Betreuer der Treberhilfe einlassen, der im 'Boje'-Bus hinter dem Hauptbahnhof arbeitet. Die Boje ist ein ausrangierter Bus der Kölner Verkehrsbetriebe, der vollständig mit Graffities besprüht wurde. Im Bus arbeiten von montags bis freitags Sozialpädagogen, die sich in ihrer Arbeit ganz den Kindern und Jugendlichen widmen, deren Mittelpunkt die Straße ist - oder die ganz auf der Straße leben. Sabrina und Jenny gehören zu diesen Kindern. Zwischenzeitlich können ihre Betreuer sie in Hotelzimmern unterbringen. Das geht jedoch nicht lange gut, Sabrina zieht in mehrere Hotels ein und auch bald wieder aus.

Ihr Leben ist geprägt von Hunger und Durst, Angst vor der Polizei, ihrem Vater und vor dem Heim, Kälte und Gefühlen, die Purzelbäume schlagen. Ihre neuen Freunde nehmen sie in ihre Mitte, sie bekommt von ihnen den Namen Topi. Auf der Platte bekommt sie das erste Geschenk ihres Lebens, zu ihrem 12. Geburtstag. Neben dem Römisch Germanischen Museum machen ihre Freunde für sie eine kleine Party.

So manche Erfahrung mit der Polizei bleibt ihr nicht erspart. Manche Begegnung zieht den unfreiwilligen Rückweg in das verhasste geschlossene Heim nach sich, aus dem sie alsbald erneut flüchtet - zurück nach Köln. Einem Polizisten beginnt sie zu vertrauen, Gregor Hoffmann. Er ist es auch, der ihr rät, sich bei der Treberhilfe betreuen zu lassen, um nicht erneut in ein anderes Heim zu kommen. Er hatte mit ihrer Mutter gesprochen und versteht, warum Sabrina niemals dorthin zurück will. Allerdings hat ihre Mutter auch keinerlei Interesse daran, auch nicht daran, wo sich ihrer inzwischen zwölfjähige Tochter aufhält.

Sabrina beginnt zu kiffen und LSD zu nehmen. Ein Trip wird zum Horrortrip, ihre Gefühle werden noch intensiver, ihre Angst, ihre Gedanken und sie gerät außer sich. In ihrer alltäglichen Angst in der großen Stadt besinnt sich Sabrina auf einen Satz ihres Vaters. "Du musst immer darauf achten, dass du den ersten Schlag austeilst!". Immer wieder besinnt sie sich auf diesen Rat und greift andere Menschen körperlich an, bevor sie angegriffen werden könnte.

Im Café Mäc-Up, einer Einrichtung für Mädchen und junge Frauen erlebt sie an Heiligabend ihr erstes Weihnachtsfest und bekommt auch dort etwas geschenkt. Es gibt leckeres Essen und sie darf sich aus den Kleider spenden etwas zum Anziehen mitnehmen. Auch hier kann Jenny sie überzeugen, dass die Sozialarbeiterinnen nicht die Polizei, das Jugendamt oder ihre Eltern anrufen werden. Auch lernt sie den alten Wartesaal kennen, der jedes Jahr an Heiligabend für Obdachlose geöffnet ist und wo es auch warmes Essen gibt. Es ist Sabrinas erster Winter auf der Straße. Wenige Jahre später werde auch ich im Winter obdachlos sein. Nur bin ich da wenigstens erwachsen. Ab und zu kommt es vor, dass ich als Auszubildende morgens sehe, dass im Winter bei 10 Grad Kälte obdachlose Männer erfroren sind in der vergangenen Nacht und auf einer Bank liegen - direkt zwischen den beiden Kölner Filialen des Unternehmens. Elegant gekleidet, mit schicken teuren italienischen Schuhen an den Füßen auf weichem Teppichboden stehend im kuschelig warmen Geschäft, bringen solche Situationen schlagartig die Realität auf der Straße kurze Zeit ins Warme. Wie mir im Geschäft gesagt wird, mit Entsetzen den Verstorbenen bedauernd, das sei hier normal in Köln und auf der Schildergasse. Lange hält das Mitgefühl nicht an, bis zum nächsten Mal...und so weiter. Sabrina erlebt draußen jenseits geheizter Räume und heißem Kaffee mehrere Winter. Tag für Tag. Immer wieder auf ein Neues.

Wie hart das ist, erlebe ich im Winter 1994 bis zum Frühling 1995 selbst. Meine Ausbildung habe ich 1993 erfolgreich abgeschlossen, etwas mehr als ein Jahr in Siegburg in einem anderen Schugeschäft gearbeitet. Es geht alles Schlag auf Schlag. Ich habe mich in einen Mann verliebt, der leider nicht wirklich die besten Vorstellungen darüber hat, wie ich seiner Meinung nach leben sollte. Natürlich zeigt er das nicht offen. Mit 'Vorstellungen über mein Leben' ist gemeint, dass versucht wird, mich zur Prostitution zu bringen. Und da ich das strikt ablehne auch gegen meinen Willen. Auf Rat meiner besten Freundin erstatte ich Anzeige gegen die beiden Männer, nicht gegen meinen Freund. Streit mit meinen Eltern habe ich ohnehin immer wieder, gehe ihnen im Haus weitestmöglich aus dem Weg. Mit der Strafanzeige jedoch verschärft sich meine Situation. Einen Tag vor meinem vierundzwanzigsten Geburtstag kommt es erneut zu einem Streit mit meinen Eltern. Zu allem Überfluss verliere ich meinen Arbeitsplatz. So schnell kann man obdachlos werden! Erst bin ich fünf Wochen bei Freunden in Eitorf, zwischenzeitlich für ebenso fünf Wochen in Siegburg, wo ich bei jemand wohne, dessen Freundin ausgezogen ist und der mir ein Zimmer untervermietet. Als er mir den Hals zudrückt, schaffe ich es ihn weg zuschieben, ich treffe auf beiden Seiten einen Schmerzpunkt. Er lässt los, verlässt wütend die Wohnung und ich kurze Zeit auch - aus Angst. Ich nehme ein paar Sachen, rufe eine Freundin an und fahre zu ihr nach Bergisch-Gladbach. Davon, dass es Einrichtungen wie das Mäc-Up gibt habe ich noch keine Ahnung. So finde ich mich ab dem 28. Dezember 1994 auf der Straße. An Silvester erlebe ich selbst, wie sich zehn Grad Kälte auf der Straße anfühlen - ohne etwas zu Essen oder zu Trinken. "Ein schönes neues Jahr! Passen Sie auf, dass Sie nicht einschlafen, sonst stiehlt Ihnen noch jemand etwas." Die Kälte gräbt sich in mein Gedächtnis, meine Seele. Am Neujahrstag kann ich jedoch etwas warmes essen und trinken. Ein junger türkischer Familienvater, so um die dreißig kauft mit mir in Köln-Mühlheim in einer Straße eine türkische Hühnersuppe und etwas zu trinken. Mit meinem Humor schaffe ich es wenigstens nachts nicht draußen sein zu müssen "Ich führe zur Zeit einen Sofatest durch und habe mich heute mal für deins entschieden!" Meist funktioniert das, wegen meines Humors und nur deshalb, heißt es. Meistens heißt nicht jede Nacht. Nach der Kälte kommt ein Jahrhunderthochwasser in Köln. Ich bekomme nasse Füße,, eigentlich bin ich völlig durchnässt und bin über Wochen krank. Durch Unterkühlung sind beide Ohren so sehr entzündet, dass sie über Jahre empfindlich bleiben werden. Die Muskeln zwischen meinen Rippen entzünden sich. Nachts kann ich zeitweise in Hennef im Schloss Allner schlafen bei einem Freund. Da er sich das Leben nehmen will, womit niemand rechnet, setzt er mich vor die Tür und fordert seinen Wohnungsschlüssel zurück. In Bonn hat der Prozess vor dem Landgericht begonnen, wo ich auch Nebenklägerin bin für 5 Verhandlungstage. Nachdem ich erneut eine kalte Nacht ganz im Freien verbracht habe, diesmal in Troisdorf, darf ich für wenige Wochen ins Haus meiner Eltern und mir auch direkt etwas Warmes zu Essen machen. Auch bekomme ich eines meiner Sparbücher aus dem Tresor, weil ich Freunden einen Kleiderschrank abgekauft hatte, der noch zu bezahlen ist. Außerdem gehe ich jetzt erstmal endlich zum Friseur, meine Haare haben draußen sehr gelitten und blass bin ich auch. Deshalb gehe ich ab und zu auf die Sonnenbank. In Bergisch-Gladbach und Köln gehe ich shoppen, dass setze ich nach dem Prozess fort. Und in einem italienischen Restaurant in einem alten Haus in der Innenstadt von Bergisch-Gladbach gehe ich alleine essen. Am letzten Verhandlungstag erfahre ich vom Suizid des Freundes aus Hennef. Er war ein Nachbar des damals gegnerischen Anwalts. Mit Freunden organisiere ich einen Kranz für die Beerdigung und fahre dafür nach Köln-Dellbrück, bestelle dort den Kranz und noch ein kleines Gesteck von mir alleine. Auf die Schleife lasse ich ein selbst verfasstes Gedicht drucken. Seine Eltern werden nach der Beerdigung das Gesteck ganz nach vorne legen, so dass jeder das Gedicht lesen kann. Das berührt mich sehr. Als Entschädigung nach dem Prozess und als Auftakt in einen neuen Lebensabschnitt - ohne Obdachlosigkeit setze ich das Shoppen fort: Wäsche, italienische Schuhe aus der 'Grünen Ladenstraße' in Bergisch-Gladbach und und und. Das sind die teuersten Schuhe meines Lebens, aber meine Eltern scheinen das zu verstehen jetzt. Verkehrte Welt? Wenn ich das schreibe, überfällt mich ein schlechtes Gewissen gegenüber Sabrina - und auch Jenny. Die Aufenthaltsberechtigung bei meinen Eltern war keineswegs für unbestimmte Zeit. Ich ziehe nach Bergisch-Gladbach wieder zu meiner Freundin und ihrer kleinen Tochter. Mittlerweile bekomme ich auch endlich mein Arbeitslosengeld. Bald finde ich einen Arbeitsplatz in einer Werbeagentur. Da ich im Haus meiner Eltern an meine Papiere gekommen war, kaufe ich mir für die Arbeit und das Leben auf dem Land ein Auto. Im Juli 1995 ziehe ich in meine erste Wohnung nach Overath. Und es kehrt erstmal Ruhe ein. Die hält nicht lange an...Aber es dauert noch zwei Jahre, bis ich Sabrina kennenlerne.

Sabrina lernt viele Menschen kennen auf der Straße, nicht nur ihre Freunde, die ihr helfen und bei denen sie als Kind Beschützerinstinkte weckt. Ein Freund, der für sie da ist, bleibt ihretwegen sogar nachts auf der Straße, obwohl er selbst keineswegs obdachlos ist, sondern bei seiner Mutter lebt. Die Regeln des Lebens der Straße lernt sie mit der Zeit kennen. Obwohl ich das eine oder andere Bild aus dem Buch bereits kenne, irritieren auch mich die Fotos aus den Jahren 1992. Ein zwölfjähriges Kind, das trotz allem auch gerne lacht und Blödsinn macht. Ein auch sehr ernstes zierliches Mädchen mit kurzen dunklen Haaren, das sehr aggressiv und wütend werden kann. Wie lässt sich das am besten beschreiben? Und möchte es wirklich jeder gerne hören oder lesen - über ein Mädchen, dass als Straßenkind in Deutschland lebt - mitten in Köln? Sabrina beschreibt alltägliche Situationen aus ihrem Leben auf der Straße, wie sie immer wieder passieren im Leben von Obdachlosen. Es ist der tägliche Kampf ums Überleben. Das mag daher geredet wirken von mir, aber es ist tatsächlich so. In einzelnen Abschnitten erzählt sie auch Erlebnisse aus ihrer Kindheit bei ihren Eltern und auch aus dem Heim, aus dem sie die Flucht ergreift. Da möchte man dieses Kind am liebsten in Sicherheit bringen, an einen Ort wo es geliebt wird, gut versorgt ist und zur Schule gehen kann. Die Realität sieht leider anders aus, die Zeit lässt sich nicht zurück drehen. Auch wenn ich Sabrina selbst seit Anfang Juli 1997 persönlich kenne und einiges von dem, was ich im Buch lese seit Jahren weiß, muss ich mich stellenweise daran erinnern weiter zu atmen. So groß ist mein Entsetzen. Ihre Mutter zieht sie an den Haaren aus dem Klassenzimmer, misshandelt sie vor aller Augen und es hat keine wirklichen Konsequenzen. Kurz darauf zeigt sie ihren Vater bei der Polizei an und wird vom Jugendamt in dem geschlossenen Heim untergebracht. Dieses Buch dürfte niemanden kalt lassen. Sabrina erzählt ihr Leben auf der Straße so, als geschehe es gerade jetzt. Da ich die beschrieben Plätze in Köln selbst kenne, macht dies das Buch für mich noch lebendiger.

Als Sabrina vierzehn Jahre alt wird, erlebt sie sehr bald und schmerzhaft, dass sie nun nicht mehr vogelfrei ist, wie sie es bis dahin nannte. Sie kommt mit Freunden in Untersuchungshaft in der JVA Köln, in das Zugangshaus 17 für Jugendliche. Weil sie außer sich gerät, kommt sie für drei Stunden in den "Bunker". Nach fünf Wochen, zwei Tagen und sechs Stunden ist sie wieder frei. Sie will ihr Leben ändern. Das hat sie sich fest vorgenommen. Erstmal lebt sie wieder mit ihrer Freundin Peggy gemeinsam in ihrem gemeinsamen Appartement. Wenn sie nicht allein leben muss, klappt es besser. Allerdings wird Peggy bald ausziehen, sie ist an einen Zuhälter geraten und arbeitet lieber für ihn, als dass er sich von ihr trennen würde. Einerseits schüttel ich mit dem Kopf, allerdings ohne moralisch über sie zu urteilen. Das steht mir nicht zu. Ich kenne sie nicht einmal und vielmehr frage ich mich: Was ist da schiefgelaufen in ihrem bisherigen Leben?

Erneut erlebt Sabrina Gewalt, auch auf der Straße. Und schließlich verliebt sie sich in Jens. Bald wird er sie zuhause in der gemeinsamen Wohnung einsperren und immer wieder schlagen, demütigen. Plötzlich stellt sie beim Baden fest, dass ihr Bauch bis an die Wasseroberfläche reicht. Dabei ist sie nach wie vor sehr zierlich und schlank. Nun ist sie schwanger, bereits im fünften Monat. Zu dieser Zeit bin ich bereits einige Monate erneut obdachlos, lebe in einem Hotel, in dem mich die Polizei untergebracht hat. Sehr bald werden Sabrina und ich uns kennen lernen.

Einer der 1995 verurteilten Täter und mein inzwischen Immer-Wieder-Freund waren mit dem Ausgang dieses Prozesses so gar nicht zufrieden, auch nicht damit, dass die Revision vom Bundesgerichtshof zurückgewiesen wurde. Im Oktober 1995 wurde ich gezwungen, meine damaligen Aussagen gegen diesen Täter zurück zu ziehen, was an sich ja juristisch nicht geht so eben. Ich erlebte meine erste Morddrohung, direkt ins Gesicht. Es sollte nicht die letzte bleiben. Wegen der Bedrohungen fiel ich in eine schwere Depression, erlebte Alpträume und sich bildlich aufzwängende Erinnerungen, von denen mir später erklärt wurde, die nenne man Flashbacks. Jedenfalls waren sie quälend, auch die Erkenntnis, meine Wohnung nicht halten zu können, mein Auto und nicht zu wissen, ob ich wirklich ermordet würde und das dann erleben zu müssen. Ich bekam erstmals Personenschutz nach Karneval 1996. Ende März brachte mich mein Anwalt nach einem Suizidversuch, nach Merheim in die Psychiatrie. Zudem hatte ich einen folgenschweren Autounfall, das Auto hatte einen wirtschaftlichen Totalschaden und meine Wirbelsäule war fast ganz durchgebrochen. Das hatte mir zu allem Überfluss so gerade noch gefehlt. Die diensthabende Ärztin in Merheim, sie ist nur drei Jahre älter als ich, nahm sich zwei Stunden Zeit, bis ich freiwillig da blieb. Ende Mai wurde meine Wohnung geräumt, etliche Sachen wurden gestohlen und einige Möbel vorsätzlich beschädigt. Der Vermieter hat die verbliebenen Sachen eingelagert. Seit dem 28. Mai 1996 bin ich Kölnerin. Und dennoch werde ich bis Januar 2000 keine Wohnung haben.

Im Januar 1997 werde ich entlassen. Vom Wohnungsamt erhalte ich ein Hotelzimmer in Köln-Kalk. Meiner Sicherheit wegen bekomme ich mit Hilfe von Polizei und Wohnungsamt kurzfristig ein neues Einzelzimmer in einem Hotel, dass einer Sozialpädagogin gehört. Ich wohne jetzt in Longerich. Wer beschlossen hat, jemand ermorden zu lassen, der droht nicht mehr. Das macht den Personenschutz in Deutschland nicht leichter. Und es gibt Menschen, die auch Geduld haben, selbst wenn sie jemand umbringen sollen. Solange nämlich, bis der Personenschutz eingestellt wird, weil bislang nichts passiert ist. Im Juni erlebe ich eine der schlimmsten Nächte meines Lebens. Aber ich habe überlebt! Zum Glück ist die Hotelinhaberin Sozialpädagogin und steht mir regelmäßig zur Seite.

Auch kurz vor der Geburt der gemeinsamen Tochter schreckt Jens nicht davor zurück, Sabrina zu schlagen. Immer wieder klettert sie aus dem Küchenfenster, um zu ihrer Nachbarin und Freundin Gabi. Gabi verarztet sie dann auch, regelmäßig. Schließlich schafft Sabrina sich auch körperlich zu wehren gegen Jens, auch wenn sie hierbei einige Schrammen davon trägt. Für sie bahnt sich ein neues Leben an, sie kämpft. Das hat sie gelernt, lernen müssen.

Da mir im Hotelzimmer in Longerich die Decke auf den Kopf fällt, versuche ich es dann doch mal, mich in dieses Mäc-Up zu begeben. Ich wünsche mir einen Ort, wo ich mich nicht rechtfertigen muss für meine Erfahrungen, nicht moralisch verurteilt werde. Es ist Anfang Juli. Den ersten Besuch dort werde ich, denke ich, nie vergessen. Es ist ein Donnerstag Nachmittag. Die Öffnungszeit ist fast vorbei und die beiden Sozialpädagoginnen sind nur noch alleine da. Der Esstisch ist abgeräumt. Ich erzähle in wenigen Sätzen, warum ich komme und in welcher Situation ich gerade bin, dass auch mehrfach im Fernsehen darüber berichtet wurde bei RTL und SAT 1. Beim Erzählen blicke ich in zwei ungläubig und entsetzt blickende Gesichter. So richtig vorstellen können sie sich das nicht. Sowas hat habe es dort noch nie gegeben, wird man mir Jahre später sagen, dass eine Frau plötzlich die Einrichtung betritt, die derartige Erfahrungen mit dieser Form organisierter Kriminalität hat. Für den nächsten Tag laden sie mich ein, beim ersten Mal könne ich umsonst mit frühstücken. Ob ich mich hier wirklich angenommen und akzeptiert fühlen werde, weiß ich noch nicht so recht. Ich bin fast siebenundzwanzig Jahre alt jetzt, kann so gerade noch Besucherin sein und darf bleiben. Am nächsten Tag komme ich pünktlich zum Frühstück. Sabrinas Freundin Jenny ist eine der Ersten, die ich hier kennen lerne. Sehr bald lerne ich nun auch Sabrina kennen, sie wird bald ihr erstes Kind bekommen und wird Ende August siebzehn Jahre alt. Ich mag sie. Auf mich wirkt sie zerbrechlich, sehr empfindsam. Was sie wohl erlebt haben mag? Und all die anderen? Jede einzelne? Ich melde mich am 18. August am Abendgymnasium in der Gereonmühlengasse an, um das Abitur zu Ende zu machen. In Eitorf war ich 1989 nach der 11 abgegangen. Einige im Mäc-Up finden das wohl ziemlich schräg und irgendwie scheint mir das kaum jemand zuzutrauen. Aber ich will zurück in ein 'normales' Leben, ich will studieren. Und dafür brauche ich nun mal das Abitur. Ein Polizeibeamter, der ursprünglich auch aus Eitorf kommt, bestärkt mich darin, mich sofort anzumelden, gestern habe das neue Schuljahr begonnen.

Ende August kommt Sabrinas älteste Tochter zur Welt. Ein hübsches Mädchen mit blonden Locken. Sabrina selbst hat ganz dunkle Haare und einen recht dunklen Teint. Über Jahre werden wir uns hier wieder sehen, an Heiligabenden hier feiern und Fondue essen, kleine Geschenke bekommen. Sie ist nicht mehr obdachlos. Erst im Laufe der Jahre werde ich immer mehr aus ihrem Leben erfahren. So unterschiedlich unsere Familien an sich sein mögen, aus denen wir kommen, wir beide werden bemerken, wie viel wir doch gemeinsam haben. Auch ich bin eine Kämpferin geworden, nur war ich nicht als Kind auf der Straße, sondern erst als Erwachsene. Während ich ihre Tochter heranwachsen sehe, mache ich in zwei Jahren das Abitur und beginne zu studieren. Es ist nicht so, weil alle, die dort hingehen, ihre eigene Geschichte haben und Gewalt erleben mussten, ihren eigenen Weg gehen, dass alle sich deshalb gleichermaßen mögen. Das ist ja auch ganz natürlich.

Zwar gehe ich gelegentlich noch ins Mäc-Up, habe mich aber an sich zwölfeinhalb Jahren am 8. Januar diesen Jahres verabschiedet als Besucherin. Die Sabrina hat sich selbst im Laufe der Jahre ein anderes, stabiles Leben aufgebaut. Sie hat ihren Schulabschluss gemacht, eine Ausbildung und ihren Führerschein. Nie wieder habe ich eine Frau kennengelernt, die annähernd so jung war, als sie als Kind in Köln auf die Straße kam. Sie hat sich Ziele gesteckt, die sie auch konsequent erreicht hat.

Sie hat ihren Schulabschluss gemacht, eine Ausbildung und ihren Führerschein. Nie wieder habe ich eine Frau kennengelernt, die annähernd so jung war, als sie als Kind in Köln auf die Straße kam. Sie hat sich Ziele gesteckt, die sie auch konsequent erreicht hat. Und vor allem, was sie früher gar nicht kannte: Sie hat einen Menschen gefunden, der sie aufrichtig liebt, ihren Mann. Das mag vielleicht oberflächlich und ein wenig nach einem kitschigen Happy-End klingen. Aber das wäre unfair und entspräche nicht der Realität.

Sabrina Tophofen 2010
Sabrina Tophofen, 2010

Denn das Leben in der Gegenwart außerhalb von allem, was mit Odachlosigkeit und der Straße zu tun hat, die gewissermaßen eine Art Ersatzfamilie wurde und auch ohne je die Erfahrung einer stabilen und liebevollen Bindung an die Eltern, ist alles andere als leicht. Das bedeutet auch eine regelmäßige Konfrontation mit bisherigen Verhaltensmustern, die für den täglichen Überlebenskampf notwendig und hilfreich waren. Das ist ein langer Weg und passiert nicht einfach so. Vom Überleben zum Leben zu finden ist nicht selbstverständlich. Das Buch berührt mich sehr und ich freue mich von ganzem Herzen für Sabrina, dass sie in Herbert ihren Mann gefunden hat und bewundere ihren Mut, sich für das Buch so intensiv nach so langer Zeit zu erinnern und auch sehr schmerzlichen Erfahrungen so wiederzugeben, als sei man als Zuschauer dabei. Dabei, wenn sie als Elfjährige durch viele Erwachsene über die Domplatte läuft oder zur Boje. Auch die Bilder im Buch geben ein wenig davon wieder. Bei der Entstehung des Fotos während der Schwangerschaft mit ihrem zweiten Kind war ich selbst anwesend. Ich freue mich jetzt etwas über ihr Buch etwas schreiben zu können. Es ist mir ein besonderes Anliegen, das von Herzen kommt. Auch wenn ich mit Neugier gelesen habe, es war mir nicht möglich, es in einem Stück zu lesen. Zum einen, weil ich sie so viele Jahre kenne, wir einige Gemeinsamkeiten gefunden haben und nicht zuletzt natürlich, weil ich sie sehr gerne mag und ins Herz geschlossen habe.



Video auf WDR 1Live

Sabrina:    Ich war ein Straßenkind

"Sabrina war als junges Mädchen auf dem besten Weg in einen Teufelskreis aus Drogen, Gewalt und Knast. Fast sechs Jahre lebte sie auf der Straße - auf der Kölner Domplatte. Bis sie mit Glück und viel Mut den Absprung schaffte. "

Weihnachtspost und Skills...

Mit den Gedanken bei den Plänen für die diesjährigen Weihnachtsseiten hier auf www.blumenwiesen.org, kam mir beim Lesen des Buchs die Idee, dass ich hier alle Kölnerinnen und Kölner dazu einlade, sich daran zu beteiligen, Weihnachtskarten für Jugendliche und junge Erwachsene zu schreiben, die in Köln auf der Straße leben und beispielsweise wie Sabrina früher die B.O.J.E. als Anlaufstelle nutzen, von zu Hause oder aus einem Heim abgehauen sind.

Oft sind sie bereits durch sexuellen Missbrauch, Misshandlungen oder auch Vernachlässigung traumatisiert. Die Belastungen durch das Leben draußen kommen hinzu, sowohl körperliche als auch psychisch. Nicht wenige von ihnen haben bereits Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu regulieren. Die Gefühle fahren Achterbahn. Ihr jetziges Leben unter diesen Bedingungen verschlimmern ihren Leidensdruck.

Ich selbst lebe zwar seit knapp elf Jahren hier in meiner Wohnung und habe auch vier Jahre studiert nach dem Abitur, jedoch bin ich erwerbsunfähig und berentet. Daher kann ich das nicht alleine umsetzen. Das ist mein Wunschzettel an alle Kölnerinnen und Kölner. Die Weihnachtskarten und die übrigen Sachen packe ich dann liebevoll ein und bringe sie nach und nach bis vor Weihnachten zu den entsprechenden Anlaufstellen.


www.blumenwiesen.org Frohes Fest - Wunschzettel an alle Kölnerinnen und Kölner

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Frohes Fest: Liebe Kölnerinnen und Kölner
das links vorgestellte Buch von Sabrina Tophofen beschreibt ihr Leben als Straßenkind in Köln. Sie kam mit nur elf Jahren nach Köln. Inzwischen ist sie dreißig Jahre alt und lebt in Köln mit ihrem Mann und ihren Kindern. Dennoch gibt es immer wieder Kinder und Jugendliche, die von zuhause oder aus einem Heim abhauen - und dann auf der Straße landen.

Da ich als Erwachsene selbst obdachlos war und dies im Winter, weiß ich selbst auch, was wichtig ist. Viele dieser Kinder und Jugendlichen haben ihr Vertrauen in Erwachsene verloren. Natürlich sind die Skills aus der DBT auch kein Allheilmittel. Niemals ersetzen sie allein die stabile Bindung an einen geliebten Menschen. Sie können aber im Alltag helfen und zwar ganz praktisch als etwas, mit dem intensive Gefühle herunterreguliert werden können. Sie können so zu einer nicht schädlichen Alternative werden gegenüber Suchtmitteln, Selbstverletzungen, Wutausbrüchen, Hochrisikoverhalten und und und. Natürlich haben nicht alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die obdachlos sind oder deren Lebensmittelpunkt die Straße ist, die selben Erfahrungen und auch nicht die selben Probleme. Unter emotionaler Instabilität leiden jedoch viele unter ihnen. Und somit könnten sie auch von dieser Homepage profitieren, soweit sie die Möglichkeit haben, das Internet zu nutzen. Nur haben sie dann keine Skills. Auf der Straße kann man nicht eben mal ein Coolpack in den Gefrierschrank legen. Deshalb hier meine Liste mit den Dingen, die ich mir für diese Menschen von euch wünsche:

Chiliweingummis

Gute Chiliweingummis gibt es im Bärenland auf der Breite Straße und heißen dort 'Red Hot Chili Peppers'. Sie sind ganz fruchtig und natürlich. Ich persönlich liebe diese Chiliweingummis, allerdings bin ich gegenüber dem Inhaltsstoff Capsaicin ein wenig abgestumpft. Dieser bewirkt im Gehirn einen aversiven Reiz. Wer gerade in einem intensiven Gefühl steckt, unter hoher Anspannung steht und da so nicht mehr heraus kommt, kann mit dem Essen dieser Chiliweingummis auf ganz natürliche und unschädliche Weise diese innere Hochspannung kurzfristig ausbremsen, das heißt herunterregulieren. So wird planvolles Handeln wieder möglich und der innere Druck durch die innere Hochspannung auf einem aushaltbaren Maß. Ein weiteres Plus: Diese Chiliweingummis sind äußerlich unauffällig und nehmen im Rucksack nicht viel Platz weg.

Chilischoten

Bärenland Köln

Inhaberin: Elisabeth Bonnes
Breite Str. 161-167
50667 Köln
Telefon: 0221-42 07 586
E-Mail: info@baerenland-koeln.de
Öffnungszeiten:
Mo-Fr 10:30 - 19:30 Uhr
Sa 10-18 Uhr
Bärenland


Japanisches Heilpflanzenöl

Japanisches Heilpflanzenöl gibt es in kleinen handlichen Fläschchen in diversen Drogeriemärkten. Das Riechen daran wirkt ebenfalls entspannend und wird gerne als Stresstoleranz-Skill genutzt.

Bonbons mit intensivem Pfefferminzgeschmack

Dazu gehören zum Beispiel Fishermen Friends extra (ohne Zucker).

Igelbälle

Kleine, eher harte Igelbälle können beispielsweise in einer Hand gedrückt werden oder man kann sie über einen der Unterarme rollen. Günstig gibt es sie in Drogeriemärkten wie bei DM oder Rossmann sowie auch bei Nachfrage in Apotheken. Wenn sie klein sind, passen sie auch in einen Rucksack.

Igelball

Ammoniak-Lavendel-Ampullen

Diese sind unter dem Handelsnamen AmmoLa Riechstäbchen in Apotheken rezeptfrei erhältlich und mit einer Indikation speziell als Stresstoleranz-Skills für die Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT) zugelassen. Ihr Gebrauch löst ebenfalls einen starken sensorischen Reiz aus, der Menschen, die unter einer Störung der Emotionsregulation hilft, Zustände hoher innerer Anspannung zu Dissoziationen zu kontrollieren. Daher werden sie als Alternative zu sonst selbstschädigenden und impulsiven Verhaltensweisen angeboten. Dazu gehören beispielsweise das Selbstverletzende Verhalten (SVV) oder Hochrisikoverhalten (z.B. über Bahnschienen gehen). Die Betroffenen leiden sehr unter ihren schwankenden Stimmungen und ihrer rasch auftretenden inneren Hochspannung. Leider haben sie erfolgreich gelernt, dass beispielsweise der Konsum von Drogen oder Alkohol, Ess-Anfälle, Selbstverletzungen oder auch Hochrisikoververhalten kurzfristig helfen. Das hilft kurzfristig, ist natürlich aber langfristig schädlich oder auch gefährlich. Die Dialektisch Behaviorale Therapie vermittelt mit Hilfe sogenannter Skills (Fertigkeiten) wirksame Alternativen. Die hier bislang genannten Skills gehören zum Modul Stresstoleranz. Ab einem bestimmten Grad der Hochspannung helfen nur noch Notfall-Skills, wenn der Zustand als unerträglich erlebt wird und planvolles Handeln sonst nicht mehr möglich ist. Bezüglich der Selbstverletzungen zeigt sich, dass die Anwendung beispielsweise von den hier genannten AmmoLa Riechstäbchen schnelle Erfolge zeigen. Die Selbstverletzungen können oft schnell aufgegeben werden.

AmmoLa Riechstäbchen: Gebrauchsinformation

Die Ampullen sind aus Glas, jedoch mit einem weißen dichten Netz so überzogen, dass eine Verletzung nicht möglich ist. Vor dem Gebrauch werden sie geschüttelt und dann in der Mitte gebrochen, so dass der Inhalt in das Netz sickert. Anschließend kann man die Ampulle unter die Nase halten oder in einer Hand mit etwas Entfernung von sich weg halten und sich den intensiven Geruch mit der anderen Hand erstmal zufächeln.

AmmoLa Riechstäbchen
AmmoLa Riechstäbchen 10 Riechampullen aus Glas à 0,4 ml  PZN: 6766849
DEVESA Dr. Reingraber GmbH & Co. KG
D-76461 Muggensturm


Da die Ampullen rezeptfrei sind, werden die Kosten von ca. 8 bis 9 € pro Packung in der ambulanten Behandlung von Krankenkassen leider nicht übernommen. Gerade Obdachlose können das Geld dafür in der Regel nicht aufbringen. Zudem ist Weihnachten am Monatsende.

Haushaltgummis

Diese kann man sich über das Handgelenk ziehen und bei Bedarf flitschen lassen. Auch das löst kurzfristig einen aversiven Reiz aus.

Und da gäbe es noch weitere Wünsche...

Weihnachtskarten

Bitte helft mit liebevolle und aufbauende Weihnachtspost für diese jungen Menschen zu schreiben. Vermeidet jedoch bitte Sätze wie "Du schafftst das schon!" oder "Wenn du dich ein wenig anstrengst..." oder "Du hast dein Leben noch vor dir...". Das Leben ist jetzt im Hier und Jetzt. Und da ist es an Weihnachten draußen kalt, oft auch nass und ungemütlich.

Vielleicht wäre das auch eine Idee für Schulklassen? Was meint ihr?

Weihnachtskarten schreiben für jugendliche Obdachlose

Kärtchen mit positiven Sätzen

Wer obdachlos ist, hat eine individuell extrem belastende Situation nicht bewältigen können oder es können auch, was nicht selten ist, mehrere Ereignisse zeitgleich aufgetreten sein, die in die Obdachlosigkeit führten. Straßenkinder und Jugendliche beispielsweise, die von ihren Eltern oder aus Heimen abgehauen sind, haben aufgrund oft traumatischer Erlebnisse und Lebensbedingungen ihre Gründe dafür, warum sie nicht zurückkehren können oder wollen. Aus ihren Erfahrungen heraus haben sie nicht selten verschiedene Grundannahmen angenommen, an denen sie festhalten und die für sie unumstößlich sind. Es fehlen oft auch schlicht ausgleichende andere Erfahrungen.

Ich bin schlechter als alle anderen.
Ich bin nicht liebenswert.
Ich habe es nicht verdient, anständig behandelt zu werden.
Meine Gefühle sind unkontrollierbar.
Ich kann niemandem trauen.
Ich bin anders als alle anderen.
Wenn mir jemand nahe kommt, bedeutet das grundsätzlich Gefahr.

Diese Grundannahmen sind zwar nicht spezifisch nur für obdachlose Jugendliche oder junge Erwachsene, jedoch meiner Ansicht gerade dort so oder ähnlich häufig.

Diese Grundannahmen sind eine Auswahl aus dem Arbeitsblatt 12 des Moduls Selbstwert (Interaktives SkillsTraining, s.re.)

Meine Idee dazu ist:

Ihr schreibt und gestaltet Kärtchen mit positiven Gegenargumenten bzw. Sätzen. Diese sollten wirklich nur positiv formuliert sein. Worte wie 'nicht', 'kein' oder ähnliches versteht das Gehirn in solchem Zusammenhang nicht und übergeht sie einfach, als seien sie nicht da.

Ein schönes Beispiel wäre der Satz, den Sabrinas jetziger Mann zu ihr eines Tages sagte:

"Ich weiß nicht, was in deinem Leben passiert ist. Aber ob du es glaubst oder nicht - du bist es wert, geliebt zu werden!" (S. 168)

Mich berührt dieser Satz sehr, gerade auch, weil ich die Sabrina so viele Jahre kenne. Aber auch darüber hinaus und wäre dies nicht, von Herzen geschrieben, ein liebevolles Geschenk für einen Menschen, der sich in einer extrem belastenden Lebenslage befindet und dazu noch im Winter, auch über Weihnachten?

Es gäbe dazu noch eine Alternative, die sogenannten Lebenskarten der Künstlerin Barbara Völkner. Ursprünglich gestaltete sie ihre Lebenskarten in der Kunsttherapie im Rahmen einer stationären Traumatherapie in Bielefeld für sich selbst. Seit einigen Jahren kann man sie online bei ihr kaufen.

www.lebenskarten.de  Flyer: Adobe PDF

Davon würde ich in jeden Umschlag eine Karte zur Weihnachtspost dazu legen.

Weihnachtsplätzchen

Wenn ihr Plätzchen backt vor Weihnachten, wie wäre es mit einem oder zwei Blechen mehr? Ich packe sie auch mit viel Liebe ein.

Weihnachtsplätzchen

Geschenktüten

Damit ich die Sachen auch zusammenpacken und verteilen bzw. an Einrichtungen weiter geben kann, würde es mich freuen, wenn ihr mir helft, genügend Geschenktüten zusammen zu bekommen.

Weiteres

Handschuhe
Taschentücher
Hustenbonbons
Lippenpflegestifte


Herzlichen Dank an euch alle!

Hilfsangebote in Köln für jungendliche Obdachlose

Die B.O.J.E.

Die B.O.J.E.

Sabrina Tophofen erzählt in ihrem Buch von der vielfältigen Hilfe, die sie durch die B.O.J.E. erhalten hat, als sie Straßenkind in Köln lebte.

Die B.O.J.E. ist ein niedrigschwelliges Beratungsangebot für Jugendliche und junge Erwachsene, deren Lebensmittelpunkt die Straße im Umfeld des Kölner Hauptbahnhofs ist. Der ausrangierte Bus steht auf der Rückseite des Kölner Hauptbahnhofs. Weiterführende Informationen sind auf der Homepage der B.O.J.E. zu finden:

Die B.O.J.E.
Auf Achse gGmbH gemeinnützige Gesellschaft für Kinder-, Jugend- und soziale Hilfen

Café Mäc-Up

Auch das Café Mäc-Up beschreibt Sabrina in ihrem Buch. Dort bekam sie mit zwölf Jahren das erste Weihnachtsgeschenk ihres Lebens.

Das Café Mäc-Up ist eine Einrichtung des Sozialdienst katholischer Faruen Köln e.V. und befindet sich unweit des Hauptbahnhofs. Mädchen und Frauen zwischen 14 und 27 Jahren finden im Café einen Schon- und Schutzraum. Männer haben keinen Zutritt, da ein Großteil der Besucherinnen sexuelle Gewalt erleben musste. Viele von ihnen gebrauchen Drogen und leiden infolge traumatischer Erfahrungen unter weiteren Problemen.

Das Café Mäc-Up bietet die Möglichkeit, in gemütlicher Runde mit den Sozialarbeiterinnen und anderen Besucherinnen zu essen, nach gut erhaltener Kleidung zu gucken, sich auszuruhen oder auch das Internet zu nutzen. Das kann beispielsweise genutzt werden, um eine Wohnung zu finden, einen Arbeitsplatz oder auch eine geeignete Klinik zur Traumatherapie. Wer möchte, kann die Beratung und Unterstützung der Sozialpädagoginnen in Anspruch nehmen. Sie helfen den oft obdachlosen Frauen eine Wohnung oder Platz in einer Notschlafstelle zu finden. Gerät eine Besucherin in eine Krise, ist oft das Team die erste Anlaufstelle. Auch während eines Klinikaufenthalts wird niemand allein gelassen.

Einmal in der Woche kommt eine Ärztion des Mobilen Medizinischen Dienstes des Gesundheitsamts der Stadt Köln und bietet dort eine Sprechstunde.

Das Café Mäc-Up ist eng angebunden an verschiedene weitere Abteilungen des Sozialdienst katholischer Faruen Köln e.V., beispielsweise das ambulante Wohnen für suchtkranke Frauen, die Straffälligenhilfe oder auch B.I.S.S. (Beratung in Sachen Sucht für Jugendliche)

Café Mäc-Up
Sozialdienst katholischer Frauen Köln e.V.



Was bedeutet DBT und wobei ist sie hilfreich?

DBT steht für Dialektisch Behaviorale Therapie. Sie ist eine Art therapeutisches Trainingsprogramm, das aus mehreren Bausteinen besteht. Die DBT ist an sich verhaltenstherapeutisch orientiert, jedoch beinhaltet sie auch einzelne Elemente anderer Therapieformen. Dialektisch an der DBT ist die angestrebte Balance zwischen Akzeptanz und Veränderung.

Die DBT ist in erster Linie konzipiert für Menschen, die unter einer Borderline- bzw. Emotional instabilen Persönlichkeitsstörung leiden. Natürlich gibt es nicht die Obdachlose oder den Obdachlosen und ebenso wenig die Ursache für Obdachlosigkeit. Dennoch kann man sagen, dass die jüngeren unter ihnen und dazu gehören auch Jugendliche, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben, emotional sehr verwundbar und sensibel sind. Oft leiden sie unter quälenden Stimmungsschwankungen und sehr intensiven Gefühlen, die sich regelmäßig auch als Zustände innerer Hochspannung bemerkbar machen. Diese Anspannung kann meist keinem bestimmten Gefühl zugeordnet werden. Alle haben ihre eigene Lebensgeschichte, die sie auf die Straße trieb. Oder ihnen wurde schon sehr jung vermittelt, dass sie zuhause nicht erwünscht sind. Auch wenn sie zeitweise in Notunterkünften leben oder Hotelzimmer zugewiesen bekommen, zumindest tagsüber sind diese sehr jungen Menschen draußen auf der Straße. Nicht selten verlieren sie ihre Unterkünfte wieder schnell.

Menschen, die unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden, geraten Tag für Tag an die Grenzen des Erträglichen.

Die DBT ist auf die verschiedenen Bereiche ausgerichtet, die den hohen Leidensdruck Borderline-Betroffener ausmachen und vermitteln ihnen ein Rüstzeug in Form von Skills (Fertigkeiten). Sie nehmen an einer Skills-Gruppe teil und lernen gleichzeitig in der Einzeltherapie die in der Gruppe gelernten Skills auf ihre aktuelle Lebenssituation zu übertragen. Für Krisensituationen gibt es die Möglichkeit kurzer Telefongespräche, die helfen, die aktuelle Situation zu strukturieren und gemeinsam zu sehen, welche Skills gerade jetzt hilfreich sein können.

Es gibt fünf Module, die folgende Ziele beinhalten:

Achtsamkeit: Sich selbst und den Augenblick annehmen

Stresstoleranz: Krisen und Hochstressphasen bewältigen und ihnen vorbeugen

Umgang mit Gefühlen: Gefühle wahrnehmen und sinnvoll steuern

Zwischenmenschliche Fertigkeiten: Stabile Beziehungen aufbauen

Selbstwert: Das Selbstwertgefühl verbessern

(Infoblatt: Einführung in das Skillstraining 1, Martin Bohus u. Martina Wolf, 2009)

Natürlich ist die Persönlichkeitsentwicklung der jugendlichen Obdachlosen noch nicht abgeschlossen. Dennoch leiden sie nicht weniger und das Leben auf der Straße verschlimmert ihre emotionale Verwundbarkeit zusätzlich erheblich, was die Entwicklung der beschriebenen Persönlichkeitsstörung wahrscheinlicher macht und auch fördert. Nachweislich ist es so, dass eine störungsspezifische Therapie wie die Dialektisch Behaviorale Therapie als möglich hilft, die Symptome zu bewältigen und zu überwinden. Auch wenn die Sensibilität als Anlage bleibt, so eignet sich die DBT mit dieser leben zu lernen und langfristig erfolgreicher mit Stress umzugehen.

Suchtmittel erhöhen langfristig genau die Verwundbarkeit, die zu der Entwicklung der Symptome beitragen und somit tatsächlich den Leidensdruck verschlimmern.

Dementgegen fördert die Dialektisch Behaviorale Therapie Verhalten, das helfen kann auch langfristig die Straße zu verlassen. Sie ermöglicht auch die Erfahrung, dass ein verantwortungsbewusster Umgang mit dem eigenen Körper und seinen Bedürfnissen wesentlich dazu beiträgt, auch die Stimmungsschwankungen selbst positiv zu beeinflussen.

Straßenkinder und Jugendliche, die auf der Straße leben oder deren Lebensmittelpunkt die Straße ist, sind Überlebenskämpfer. Obdachlos zu sein beansprucht ein hohes Maß an Kraft und Durchhaltevermögen. Sie nehmen diese Belastung auch wesentlich deshalb auf sich, um nicht zurück kehren zu müssen. Erfahrungen mit dem Gebrauch von DBT-Skills können ihnen helfen, ihre Energie und ihr Durchhaltevermögen in eine neue Richtung zu lenken. Sich für eine Therapie anmelden zu können, setzt einen festen Wohnsitz voraus. Das beinhaltet zum einen eine Chance für eine Motivation für eine Therapie. Andererseits ist das Leben dieser jungen Menschen im Hier und Jetzt oft so instabil, dass dies den Antritt einer Therapie erheblich erschwert.

Kölsche Bibel
Mir bedde op Kölsch

Herausgeber: Ernst Lüttgau
Idee und Konzept: Ernst Lüttgau
"Dä kölsche Luther": Markus Becker
ISBN: 3-933070-60-0    8,50 € [D]    gebunden


Frohes Fest DBT-Skillsammlung  |  Wirb ebenfalls für deine Seite
Blick auf den Kölner Dom © Kerstin Krahlisch / pixelio.de
Blick auf den Kölner Dom

Adresse für die Zusendung der Weihnachtskarten, Plätzchen und DBT-Skills
Monika Kreusel
www.blumenwiesen.org
Nußbaumerstraße 39 D
50823 Köln
Vielen Dank!   Weihnachtskugeln Nikolaus

Weihnachtsmaat - Weihnachtsmarkt am Kölner Dom [kölsch | hochdeutsch | english | francais]

Kölner Krippenweg

Kölner Dom

Stadt Köln



Borderline-Plattform

GRENZPOSTEN e.V. Borderline-Selbsthilfezeitschrift

Tagesklinik Psychotherapie (TK 17) LVR-Klinik Köln

Dachverband Dialektisch Behaviorale Therapie e.V.

Bildquellen

Chilischoten: Schön scharf © Sven Brentrup/Svai aboutpixel.de
Grüner Igelball © Kerstin Schröder / pixelio.de
Blick auf den Kölner Dom © Kerstin Krahlisch / pixelio.de
Weihnachtsplätzchen: aboutpixel.de / Plätzchen 2009-09 © Arnim Schindler
Weihnachtskugeln aboutpixel.de / kugeln © spurensicherung
Sabrina Tophofen: © Arena Verlag 2010 Der Verlag hat dieses Foto für die Homepage zur Verfügung gestellt.



Das Bärenland - Da gibt's scharfe Stress-Skills: Red Hot Chili Peppers (Chiliweingummis) und Ingwerteufel
Gewalt ist nie privat. Sozialdienst katholischer Frauen
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Staygold - Don't drink too much
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Dr. med. Khalid Murafi - Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

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Keine Kurzen für Kurze - Eine geminsame Aktion der Sädte Köln und Bonn


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Frohes Fest ~ DBT-Skillsammlung

Borderline-Persönlichkeitsstörung     Dissoziative Identitätsstörung

Posttraumatische Belastungsstörung     Schizotypische Belastungsstörung

Frohes Fest - Weihnachtsskillsammlung und Krisenhilfe

Monika Kreusel, Nußbaumerstraße 39 D, 50823 Köln, 0173-44 96 175, monikakreusel [at] web de

Zuletzt aktualisiert am 24.06.2011

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