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Giovanna ist viele - DIE ZEIT - Holde Barbara Ulrich - www.blumenwiesen.org ~ Monika Kreusel

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Giovanna ist viele - DIE ZEIT - Holde Barbara Ulrich

Der folgende Artikel von Holde Barbara Ulrich erschien in der Ausgabe N° 13/2000 in der Zeitung DIE ZEIT am 23.03.2000. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin dürfen wir diesen Artikel auf unserer Homepage veröffentlichen. Der Artikel enthält mögliche Trigger, also bitte gut aufpassen beim lesen.

Diese Geschichte erzählt, wie sich die Seele eines Menschen in höchster Not zu retten versucht. Am Ende stehen 44 Personen, die in einem Körper leben. Wissenschaftler sprechen vom Phänomen der Multiplen Persönlichkeit.

Ihre Mutter setzt sie vom Sofa auf den Boden. Ziemlich unsanft diesmal. Vor ein paar Tagen hat diese Frau sie aus dem Heim geholt und gesagt, dass sie ihre Mutter sei. Giovanna drängt sich an das Knie der Frau und versucht erneut, auf ihren Schoß zu klettern. Die Mutter gibt ihr einen Schubs, dass sie hart auf die Dielen fällt. Großvater Karl blickt erstaunt von seiner Zeitung auf. Das Kind fängt an zu weinen.

»Komm«, sagt die Frau genervt. Sie zerrt die Kleine an einem Arm hoch und zieht sie hinter sich her. Ein paar Steinstufen hinab, über den Hof, zum Kohlenkeller. Stößt sie in die dunkle Höhle, wirft die Tür zu und dreht den Schlüssel rum.

Ein leichtes Scheppern am Schloß. Langsam schiebt sich die Tür wieder auf. Giovanna sieht, wie sich der Mann, der Karl heißt und den sie Opi nennt, vorsichtig durch den hellen Spalt zwängt. Sie schluchzt laut auf vor Erleichterung und klammert sich an ihm fest. Der Mann zieht ihren Kopf an seinem Leib, fängt an zu keuchen. Er hebt sie hoch, zieht ihr die Unterhosen aus, öffnet seinen Gürtel, schiebt seine Kleidung nach unten. Mit einem Arm presst er sie fest an sich, mit dem anderen greift er ihr von hinten zwischen die Beine, stößt mit dem Finger in sie hinein, drückt sie sich auf den Schoß. Ein greller Schmerz. Nur kurz. Bis sie die Besinnung verliert.

Opi hat lange mit ihr zu tun. Ab und an stößt ihr Bewußtsein in das Keuchen und Grabschen zurück, versinkt wieder. Einmal kommt sie vor glibbriger Atemnot zu sich, erbricht sich würgend und hört Opi beschwichtigend murmeln: »Nur stille, stille, Kind«. Irgendwann ist sie wieder bei sich. Verschmiert, ein wundes, zermartertes Tier, und wie ein Tier winselt sie. Über ihr Opis Gesicht. Er drückt ihr die Hand auf den Mund. »Psst, psst!«. Dann legt er sie wieder zurecht. Sie sieht das spitze blutige Messer vor seinem Bauch. Ihr ist eiskalt. Sie kann die Kälte nicht länger ertragen, und von dem Messer würde sie sterben. Sie muss sich verstecken. Irre vor Kälte, rollt sie sich ein. Ganz in sich zurück. Eine winzige, warme Murmel. Schmerz, Angst, Einsamkeit - eingerollt. Fest verpackt. Nichts mehr spüren.

Giovanna ist fort im Unbewussten. Ein anderes Wesen nimmt ihren Platz ein - die steinerne Blume. Schmerzfrei, gefühllos, gefügig. Sie spürt Opis Messer nicht, als es in sie eindringt. Das Erlebnis des Schmerzes ist nicht in ihr. Sie lässt sich von Opi besudeln, ersticken, zerreissen und hat keine Angst. »Na, siehst du, mein Schatz«, sagt Opi zufrieden. Er weiß nichts von der Verwandlung. Rein äußerlich ist da noch immer das blond gelockte, süße kleine Mädchen. Als die Mutter endlich kommt, das unartige Kind zu holen, sagt der Großvater:» Kleine Kinder sperrt man nicht so lange in den Kohlenkeller.« Er schließt seinen Gürtel und geht auf den Hof. Als hätte sie alles nur geträumt, erwacht Giovanna. Das flüchtige Bild eines anderen, hilfreichen Kindes ist da. Schwester oder Bruder vielleicht. Schnell vergisst sie es wieder. »Komm jetzt nach oben«, sagt die Mutter versöhnlich. Giovanna faßt ihre Hand, setzt sich an den gedeckten Tisch und isst ein Stück Kuchen. Heute ist ihr dritter Geburtstag.

Giovanna mag ihren Opi. Er ist der Einzige, der ihr nach dem Spaß, den er mit ihr hat, über den Kopf streicht, ihr ein Stück Schokolade schenkt. Ein nachsichtiger, gutwilliger Mann, der Geschichten vor liest. Das Kind liebt die Prinzen, Feen und Zauberer. Wenn die Not groß ist, kommen sie - einzeln, manchmal zu zweit, bei Todesgefahr auch zu dritt. Ihre Fluchthelfer. Sie selbst ist eine Überlebende.

Die Mutter, von Giovanna später nur noch Adoptionsfrau genannt, badet das Kind. Sie bürstet zu hart, die Kleine fängt an zu weinen. »Still!«, sagt die Frau und schrubbt noch eifriger. Giovanna entzieht sich. Die Frau packt das Kind, drückt es mit dem Kopf unter Wasser. Lange. Die Augen scheinen zu platzen, Qual des Erstickens. Als das Kind japsend und hustend auftaucht, wiederholt sie die Prozedur. Wieder und wieder. Das Kind spürt nichts mehr, hat sich eingerollt. Nicht ins Dunkel, wie Giovanna den Tod nennt, nur eine unbestimmte Zeit in den Zwischenraum des Vergessens. Aus dem Wasser steigen nach der Tortur drei neue Personen: die Meerjungfrau, Nixe 1 und Nixe 2. Sie bleiben, bis die Gefahr vorüber ist und Giovanna aus dem Badezimmer tritt. Künftig werden sie immer da sein, wenn das Wasser in die Wanne rauscht.

Die sadistischen Abrichtungen durch die Adoptionsfrau, die sie Erziehungsmassnahmen nennt, setzen sich fort. »Wo ist rechts, wo ist links?« Giovanna zuckt mit den Achseln. »Leg deine Hand an den Türpfosten«, verlangt die Frau. »Siehst du, und jetzt kommt ein Sturm.« Sie wirft die Tür ins Schloß. »Da, wo es weh tut, ist links«, sagt die Frau, als sei es ein Spiel. Giovanna versinkt in grell roten Wellen des Schmerzes. Schneeweisschen und Rosenrot tauchen auf - unbeteiligt, tränenlos, schmerzfrei.

Für Opi, der die mittlerweile Fünfjährige Nacht für Nacht in sein Bett holt, und auch für den Adoptivater, einen Fernfahrer, der nur ab und an seine Gelüste an ihr stillt, hält sich die steinerne Blume bereit. Rothand wird kurze Zeit später geboren. »Du weißt immer noch nicht, was heiß und kalt ist?« Die Frau schaltet den Herd auf drei. Als der Kessel pfeift, nimmt sie ihn von der Platte. »Leg deine Hand dorthin«, befiehlt sie dem Mädchen. Giovanna folgt und zieht sich im selben Moment in sich zurück. »Na, siehst du, jetzt weißt du's«, sagt sie. Rothand schaut artig zu ihr auf und nickt.

Die barbarischen Akte hören nicht auf. Giovanna ist immer auf dem Sprung. Stets in Todesangst, hat sie ihre feinen Antennen auf Empfang gerichtet. Sie muss auf der Hut sein, sich einrollen, ehe es zu spät ist. Instinktiv erkennt sie den richtigen Punkt. Ist es die Adoptionsfrau, ihr farbloser Mann oder Karl ? Einer von ihnen kommt auf eine satanische Idee. Giovanna ist gerade sechs, die Zeit der märchenhaften Innenpersonen geht jäh zu Ende.

Die Mutter ist Kellnerin in einer Hamburger Bar. Das Umfeld provoziert Gelüste perversester Art. Es ist ihr ein Leichtes, daraus ein Geschäft zu machen. Am ersten der unzähligen Abende, die folgen werden, bringt sie zwei Männer mit nach Hause. Das Kind wird auf den Küchentisch gelegt. Die Männer tun das selbe mit ihm, was Opi Nacht für Nacht mit der steinernen Blume macht. Nur dass es zwei sind und das alles auf einmal passiert - zerreissen und ersticken. Die Frau hält dem Kopf fest und sagt »Hab dich nicht so, das ist doch nichts Schlimmes.« Opi fotografiert, der Adoptivvater hält das Ganze mit der Schmalfilmkamera fest. Der Adoptionsfrau fallen immer neu Spiele ein. Der Stundenpreis steigt, die Zahl der Kunden auch. Die steinerne Blume ist den ständig wechselnden Vergewaltigungen nicht länger gewachsen. Sie rollt sich nicht ein, sondern ruht sich eine lange Zeit aus. Sie dreht sich weg, wie Giovanna sagt. Liebling springt ein. Und für die härtesten Kunden kommt Flittchen ins Spiel.

Die Adoptionsfrau ist kein Unmensch. Sie kauft dem Mädchen hübsche Kleider, putzt es heraus. Sie schenkt ihm ein Akkordeon und bezahlt einen teuren Musiklehrer. Giovanna ist eine begabte und fleißige Schülerin. Die Nachbarn hören es und loben sie. Mit elf ist sie das erste Mal schwanger. Die Zeit der Abtreibungen beginnt. Die Rote kommt hinzu und läßt die nach warmen Blut dünstenden Tötungsprozeduren klaglos über sich ergehen. Giovanna fehlt oft im Unterricht. Ihre Leistungen sind ohnehin nur mäßig. Mit 15 bringt sie einen Sohn zur Welt und verlässt die Schule. Ihn abzutreiben war schon zu spät. Zu ihrem großen Unglück entscheiden die Eltern, das Baby zur Adoption freizugeben.

Beim ersten Mal, als ich Giovanna begegne, ist sie 45 Jahre alt. Rundes Gesicht, weicher Mund, bernsteinfarbene Augen. Wie ein Strahlenkranz um das Gesicht ein grauer, krauser Afroschopf. Ein großes T-Shirt über einer weiten, bunten Hose kaschiert ihre Rundlichkeit. Der Kreis ihrer inneren Helfer umfasst mittlerweile 44 Personen: Erwachsene, Jugendliche, Kinder - männliche und weibliche. Einige weggedreht oder eingerollt. Nicht alle sind miteinander bekannt. Einige ziehen es vor, sich verborgen zu halten. Es gibt keine Einzelperson. Es gibt nur den sichtbaren Außenkörper, der den Namen Giovanna trägt. Um den unauflösbaren, schicksalhaften Zusammenhalt, das aufeinander Angewiesensein, die Untrennbarkeit des Systems Giovanna zu demonstrieren, spricht sie und sprechen die anderen, sobald sie es wagen, auch vorn zu kommen, von sich in der Mehrzahl. Im Laufe der Therapie, die vor drei Jahren begann, hat sich der Kreis gebildet. Versuch einer beginnenden allgemeinen Verständigung. Es ist ein Anfang, der von Zeit zu Zeit in Protest, Unfrieden, Chaos ausufert. Ich möchte über den Kreis schreiben. Giovanna zögert. »Vielleicht«, sagt sie. Tage später: »Wir denken, es ist okay. Wir haben nur Angst, daß wir dich mit unserem Leben verletzen. Es ist so unerhört schmutzig.«

Bei unserem nächsten Treffen ist mir die Person fremd, die vorgibt Giovanna zu sein. Herb, abweisend, distanziert, mit dunkler männlicher Stimme. »Die von uns, die neulich hier war, hat sich weggedreht«, sagt die Person. »Sie hatte uns nicht gefragt, bevor sie dir zugesagt hat. Die meisten von uns sind dagegen. Vergiss das Projekt.« Nach Wochen meldet sich die nette Person unseres Anfangs wieder. Der Kreis habe sich nun doch auf eine Zusammenarbeit mit mir geeinigt. Es gehe ihr gut. Sie könne allerdings nicht garantieren, dass immer die selbe Person mit mir spräche.

Zunächst bleibt alles Geplänkel. Behutsam nähern wir uns. Durch die Außenhaut gehen nennt sie das. Fast jede Berührung in ihrer Kindheit war eine Verletzung. Nun kann sie Nähe schwer ertragen. Nach Monaten lädt sie mich zu sich nach Hause ein. »Die Wohnung ist eigentlich zu eng für uns«, bereitet sie mich vor. Zwei kleine Räume, Flur, Bad, Küche, Balkon. Sie lebt von Sozialhilfe. Erstaunliche Ansammlungen im Wohnraum: Regale voller Kinderbücher und Spielzeug, viel glänzender Flitterkram, traditionell männliches Handwerkszeug, eine Nähmaschine, ein Computer. »Jeder von uns hat seinen eigenen Charakter, und jeder kann etwas anderes«, erklärt Giovanna. »Wir brauchen zum Beispiel nie einen Handwerker, und wir reparieren auch unser Auto selbst.« Die Katze Zoé verhält sich eigenartig. Sie faucht und zischt, dann wieder schmeichelt sie um die Beine ihres Frauchens. Gleich darauf zieht sie den Schwanz ein und flüchtet. »Die Kinder sind heute so grob mit ihr«, sagt Giovanna ärgerlich. Besorgt fragt sie: »Stört dich der Krach ?« Mein verdutztes Gesicht erinnert sie daran, dass ihre innere Welt hinter der Außenhaut bleibt- unsichtbar, unhörbar für mich. Nur manchmal kommt jemand von innen nach vorn, bedient sich des Körpers und tritt kurz in die Welt.

Das Telefon klingelt. Giovanna ruft an. Sie wirkt total gestresst. »Ein einziges Chaos«, klagt sie. Und nach rückwärts gerichtet: »Könnt ihr bitte mal ein paar Minuten ruhig sein ?!« Dann wieder zu mir: »Stell dir vor: Zwei von uns sehen Fern. Eine hört ihre CDs. Der Kleine tutet mit seiner Feuerwehr durchs Zimmer. Eine trägt ihre Gedichte vor. Und drei streiten sich vor dem Computer, weil der vierte mit seinen Magic Games nicht zu Ende kommt. Keiner nimmt Rücksicht darauf, dass wir mit dir telefonieren.« Lange Zeit ist es nur Giovanna, die zu mir spricht. Aus Neugierde, Wichtigmacherei oder weil sie sich sicher fühlen, kommen auch andere nach vorn. Ich lerne die Unterschiede spüren: Stimmlage, Gestik, Temperament, Alter; ich sehe die Narben wiederholter Selbstmordversuche, die glatten Flächen der Verbrennungen, die Wülste von Brüchen, kleine Verkrüppelungen. Jennifer kommt mir besonders nahe. Ich verwechsle sie oft mit Giovanna. Darüber sehen beide in großzügiger Nachsicht hinweg. »Du kannst ja nichts dafür«, sagt Giovanna. Jennifer ist erst vor drei Jahren als erwachsene junge Frau in den Kreis gekommen. Sie hatte keine Schmerzbewältigung mehr zu leisten, sondern nur noch die Bitterkeit eines Abschieds auf sich zu nehmen.

Zu einem Zeitpunkt, als Giovanna sich ihres Multipelseins mit großer Beunruhigung bewußt wurde - kurz nach dem Tod der Adoptionsleute, als hätten die sie endlich freigegeben - verliess sie ihren Fluchtpunkt Andalusien und ihre beiden Kinder, um eine Therapie in Berlin zu beginnen. Den Abschied verkraftete sie lange nicht. Jennifer kam und nahm ihn ihr ab. Jennifer ist offen und herzlich. Ich denke, dass sie das urwüchsig Weibliche des Kreises verkörpert. Die Lebens- und Liebessehnsüchte der Mädchen und Frauen haben sich in ihr gesammelt. Wenn sie nach vorn kommt, bewegt sie sich straff, sieht hübsch aus, wagt vorsichtige Blicke zu Männern. Jennifer geniest Vertrauen im Kreis. Sie kennt die Schicksale fast aller anderen. Giovanna, die in den schrecklichsten Stunden eingerollt war, weiß von allen am wenigsten. Giovannas Misshandlungen durch ihre Familie, ihre sexuelle Vermarktung und Ausbeutung setzen sich fort, bis sie Deutschland verlässt. Erstaunlich ist, dass keinem der Nachbarn irgendwas auffällt. Wenn abends die Kunden kommen heißt es »Ach, die Skatbrüder vom ollen Karl rücken wieder an.« Sie registriert, dass die »Deern von nebenan« wunderschön auf dem Schifferklavier spielt. Wenn sie aber vor Schmerzen schreit, hört es niemand. Mit 18 heiratet sie einen Lehrer und zieht mit ihm in eine nahegelegene Wohnung. Der Kontakt zur Familie bleibt so eng wie zuvor. »Es war unser normales Leben«, erklärt Giovanna, »Wir gehörten zu dieser Familie. In gewisser Weise hingen wir sogar an ihr. Sie verdienten viel Geld mit uns. Das konnten wir ihnen nicht so einfach wegnehmen.« Sohn Joris wird geboren und ein Jahr später Tochter Flora. Eine bohrende Angst bewegt Giovanna, die Kinder in Sicherheit zu bringen. Sie überredet den Mann, für ein paar Jahre ins Ausland zu gehen. Andalusien vielleicht. Sie reist mit den Kindern voran, um das neue Leben vorzubereiten. Der Mann kommt nicht nach. Giovanna bleibt mit den Kindern in Spanien. Den Briefwechsel mit ihrer Familie pflegt sie regelmäßig. Ansonsten ist Deutschland weit.

Giovanna verdingt sich als Landarbeiterin auf der größten Hazienda des Dorfes. Das Gleichmäßige der Tage ist heilsam. Mit der Zeit beschwichtigt es ihre Seele. Und dennoch geschieht Befremdliches. Die Innenpersonen rebellieren. Ihr Daseinszweck hat sich aufgebraucht, Schmerz müssen sie nicht mehr bewältigen - nun mischen sie sich in Alltägliches ein. Einzelne Wörter genügen. Töne, Gerüche, Bilder setzen sie in Aktion. Ein Luftballon, ein Fotoapparat, eine Kamera - Schmerzerinnerungen! Alle Signale auf Rot! Höchste Gefahr! Giovanna, ein Leben lang darauf getrimmt, stürzt in ihre dunklen Kammern. Kehrt sie zurück, weiß sie von nichts. Zeitverluste! Die für Multiple so irritierenden Blackouts bringen ihr Leben durcheinander. Die Frau ihres Arbeitgebers steht vor ihrer Tür. Giovanna ist erstaunt. Sie weiß von keiner Verabredung. Die Frau ist verstimmt und wendet sich ab....Schwer bepackt kommt Giovanna nach Hause, der wöchentliche Einkauf. Die Speisekammer ist aber schon voll...Der Sohn schreit, eine der Innenpersonen hat ihn geschlagen. Giovanna ist ratlos. Wie soll sie ihren Kindern, den Nachbarn erklären, was sie selbst nicht versteht. Sie vertraut sich einem Arzt an. Er stimmt Giovanna vorsichtig auf das Phänomen des Multipelseins ein. Dringend rät er zur Therapie. 1997 reist sie nach Berlin und findet Kontakt zu einer Psychotherapeutin. »Wir haben Sitzungen«, berichtet Renate Sommer, »da ist die Patientin ganz klein. Sie will in den Arm, will liebkost und gestreichelt werden - etwas, das sie als Kind nie erfahren hat. Ein anderes Mal stöhnt und schreit sie - ein einziges Bündel aus Schmerz und Angst. Dann wieder ist sie abweisend, aggressiv. Je nachdem, wer gerade nach vorn kommt. Ich versuche, die Innenpersonen kennen zu lernen und sowohl die hilfreichen, gutwilligen unter ihnen wie auch die ablehnenden, feindlichen für ein ordnendes Lebenskonzept zu gewinnen. Vor einigen Monaten haben wir es geschafft, den Kreis zu bilden - ein großer Fortschritt.« Frau Sommer liegt es fern, Giovanna ihr vielfaches Dasein schön zu reden. Das ist nicht nötig, denn es ist von Anfang an ihr selbstverständliches Leben, ein sinnvolleres existiert für sie nicht. Nur eine Vorbedingung braucht ihre Welt, um darin reich und glücklich zu sein. Es müssen sich alle in ihr verstehen. Es gibt immer häufiger Tage der inneren Ruhe. Dann scheint Giovanna glücklich zu sein. Ein großes, vielfaches Glück. An solchen Tagen geniest sie es, wie in einer Zeitreise Dimensionen anderer Welten zu erkunden, die sie in sich trägt. Einmal fragt sie mich :»Glaubst du, dass wir verrückt sind?« Ja, das glaube ich. Sie ist in eine uns unzugängliche, vieldimensionale Welt gerückt, die ihr Denken, Leben und Fühlen mehr als vervirzigfacht. Welcher Mühen bedarf es für einen Schauspieler, sich zu verwandeln. Giovanna braucht nur mit dem Finger zu schnippsen, schon ist sie jedermann. Ohne die Not der Drogen kann sie in Himmel und Höllen steigen, dank innerer Helfer ganz unversehrt.

Manchmal frage ich mich, ob das, was ich von Giovanna erfahren habe Wirklichkeit ist. Außer Giovannas Ärzten und Helfern gibt es keine lebenden Zeugen. Lange Zeit kam mir das alles unwahrscheinlich vor. Doch inzwischen bin ich davon überzeugt: Es ist Giovannas Wirklichkeit, ihre verzwickte, aufregende, lebensbedrohliche Wirklichkeit. Ich glaube das vor allem, weil Veröffentlichungen weltweit anerkannter Psychologen diese Wirklichkeit belegen. Aber auch, weil mir klar geworden ist, dass auch in mir mehrere sind. Abhängig von Eindrücken, Personen oder von Umständen, mit denen ich gerade zu tun habe, empfinde ich mich als jeweils anderen Menschen. Ich verrücke mich unentwegt. Unbewusst. Nicht, weil ich es mag, nein, weil ich es muss. Der renomierte Münchner Wissenschaftler Ernst Pöppel vom Institut für Medizinische Psychologie meint mit deutlicher Distanz zur Diagnose Multiple Persönlichkeit: »Wir alle sind multipel, je nach der inneren und äußeren Situation, in der wir uns gerade befinden. Verschieden ist lediglich die Ausprägung des Phänomens.« Giovanna lacht. »Schade, dass wir nur den einen Körper haben. Er ist schon so abgenutzt. Wenn wir mehr davon hätten, wären wir unsterblich.« Renate Sommer hat mehrere multiple Patienten. Hauptsächlich Frauen. Äußerst sensibel, fantasiefähig, kreativ. Bei allen der selbe Krankheitsverlauf, die gleichen traumatischen Ursachen und nahezu identische Symptome: Schwerste sexuelle, körperliche und psychische Misshandlungen seit frühester Kindheit, keinerlei Hilfe aus dem Familienkreis, Abspaltung von Helferpersonen und später Zeitverlustgefühle, schließlich lebensbedrohendes inneres Chaos bis hin zu Selbstmordversuchen. Es gäbe andere Fluchtvarianten. Etwa Aggressivität, Apathie, Autismus. Warum die Seele manchmal bevorzugt, sich aufzufächern, bleibt im Ungewissen. Möglicherweise bedarf es dazu einer besonderen Feingliedrigkeit des Empfindens. In Deutschland wird die Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS) nur von wenigen Psychologen als hochkompliziertes seelisches Phänomen akzeptiert, sagt Renate Sommer. Vielen gelte sie immer noch als exzentrische Modeerscheinung ohne Krankheitswert und Behandlungsbedarf. Oft eine Folge von Unwissenheit.

Vor kurzem war Giovanna schwer verletzt. Angestiftet von einer feindlichen Innenperson hatte sie sich mit einem Messer Schnitte im Schambereich zugefügt. Im inneren Kreis herrschte Chaos. Mit letzter Kraft konnte die Psychotherapeutin alarmiert werden. Sie brachte ihre Patientin in die nächst gelegene psychiatrische Klinik. Dort versuchte sie, dem aufnehmenden Arzt die Problematik verständlich zu machen. Eine entnervende Geduldsprobe für beide Seiten. Jemand aus Giovannas Kreis, der die Übersicht wiedergewonnen hatte, begann zu vermitteln. Es endete damit, dass der Arzt die Psychotherapeutin für die verwirrte Patientin hielt und Giovanna nach Hause schickte. Giovanna hatte sich in einer Situation aufflammenden Selbsthasses gefährliche Brandwunden zugefügt. Innenpersonen drängten sich vor, schrien außer Rand und Band. In der Klinik wurde sie ans Bett gefesselt und ruhig gespritzt. Die Panik verschlimmerte sich. Ein teuflischer Kreislauf. Je höher die Dosis, desto größer das Chaos. Freunden gelang es schließlich, sie aus dem Irrenhaus zu befreien.

Das Telefon klingelt. Giovanna ruft an, atemlos: »Wir freuen uns, endlich eine Bestätigung!« Das Landesversorgungsamt hat sie als Gewaltopfer anerkannt, sie wird Entschädigung bekommen. Frau Sommer rechnet mit einer jahrelangen Therapie, zumal sich etliche der Innenpersonen nach wie vor einer Behandlung verweigern. Andere bedrohen die Therapeutin sogar. »Ziel ist es, alle Innenpersonen miteinander bekannt zu machen, innerhalb des Kreises Akzeptanz für einander aufzubauen, die Kommunikation zwischen allen zu fördern und eine Absprache über die Organisation des Lebens auch die Aufteilung der Alltagsaufgaben zu erreichen«, sagt Frau Sommer. »Dieses Ziel ist aber noch weit entfernt.« Eine Integration der anderen in die Kernperson hält die Therapeutin für schwierig: als würden die Planeten ihre Umlaufbahn verlassen, um in die Sonne zurück zustürzen. Für Giovanna ist die Fusion unvorstellbar: »Wie soll das gehen ?«, fragt sie erstaunt. »43 von uns müßten umgebracht werden, damit eine überlebt.«

Wir fahren an die Nordsee. »Weißt du, warum wir das Meer so lieben?«, fragt Giovanna. »Weil es das Selbstloseste, Zärtlichste, Weicheste ist, was uns jemals berührt hat.« Zur Stunde unserer Verabredung ist sie so fremd, dass ich sie kaum erkenne. Irgendwie scheint sie geschrumpft, Ihre Augen glänzen, das Gesicht ist gerötet, der Mund leicht geöffnet. Im Arm einen riesigen Teddy und den Rucksack voller Kuscheltiere, deren Köpfe über ihre Schultern lugen. Sie tappelt auf mich zu, schiebt ihre viel zu kleine, rundliche Hand in meine. »Guck, da, da! Autos, so viele. Tatütata! Guck mal!« Die Leute drehen sich nach uns um. Als ich mich mit dem kleinen Jungen weiter in Kindersprache zu unterhalten versuche, sagt plötzlich eine mir unbekannte Erwachsene: »Was redest du für ein Kauderwelsch? Bitte sprich doch vernünftig mit uns.« Sie beginnt zu philosophieren: »Es muss einen Sinn haben, dass uns so viel Brutales angetan wurde. Ansonsten wäre unser Überleben sinnlos. Wie denkst du über Fügungen ?» Ich fahre vorsichtig an einer Baustelle vorbei und setze zu einer Antwort an, als es von hinten los kräht:>> Ein Kran, oohh ein Kran ! Guck mal, ein Kran...keine Angst, nein!« Einer der kleinen Jungen ist wieder da und drückt seine Nase am Autofenster platt. Gerade will ich mich auf ihn einlassen, als Giovanna nach vorn kommt: »Weißt du, was Angst für uns heißt ? Dass Joris und Flora sich von uns wenden. Dass wir uns in uns nicht mehr erkennen. Und dass wir Glück nicht mehr aushalten können.« Ein junger, lebhafter Mann mit brüchiger Stimme mischt sich ein: »Glück ? Cola-Trinken ist Glück.« Giovanna, ein wenig genervt: »Verstehst du was das heißt, ständig mit so vielen Leuten zusammen zu sein?!« Der Tag ist windig und kühl, schon spät im Oktober. Endlich das Meer. Die Gischt geht hoch, kein Mensch im Wasser. Giovanna - ich denke, es ist Giovanna - stürzt sich aus dem Auto. Jauchzend wirft sie sich in die grauschwarzen Fluten. »Mach dir keine Sorgen«, ruft sie, »wir erfrieren nicht. Du weißt doch, heiß und kalt ist uns schon lange abhanden gekommen.« Selbst bei Minusgraden geht Giovanna ohne Strümpfe auf die Straße. Ihre Internistin Sybille Berg traute ihren Augen nicht, als die Patientin bei Schneetreiben fast barfuß vor ihr stand. Im Laufe der Zeit hat sich die Ärztin an vieles gewöhnt. Abhängig davon, welche der Innenpersonen in die Praxis kommt oder sich während der Untersuchung nach vorne drängt, sei die Patientin überempfindlich oder einen Moment später völlig ohne Schmerzempfinden. Von Person zu Person seien auch Werte wie Blutdruck oder Herzfrequenz verschieden. Eine der Personen sei allergisch, eine andere nicht. Jemand hat eine Halsentzündung und erhöhte Temperatur. Als die Ärztin Fieber misst, hat sie jemand vor sich, der völlig beschwerdefrei ist. Dr. Berg wundert sich nicht mehr, sie hat sich mit MPS vertraut gemacht. >>Wir brauchen dringend eine neue Brille, sagt Giovanna eines Tages. Ich begleite sie zum Optiker. Der Mann macht seine Untersuchungen, notiert die Werte. Das Telefon unterbricht seine Arbeit. Anschließend setzte er seine Messungen fort. Irritiert stellt er die Geräte immer wieder neu ein. Nach einer Weile steht er auf, schüttelt den Kopf und bittet um einen erneuten Besuch; er müsse erst den Techniker holen. Draußen sagt Giovanna: »Wenn wir wiederkommen, wird es genauso sein. Der Mann kann nicht wissen, dass die Kinder jedes Mal ganz wild darauf sind, durch die Linsen zu gucken. Wir haben uns schon damit abgefunden, zeit lebens mit der Lupe zu lesen.«

Ich sehe sie an. Mir ist, als hätten sich ihre bernsteinbraunen Augen in ein dunkles Blau verwandelt. Die Blauäugige, von der Giovanna erzählt hatte. Kann das sein? Oder will ich es sehen, weil ich an Giovannas Geschichte glaube? »Vielleicht ist es auch nur so etwas banales wie die ganz normale Reaktion der Iris auf verändertes Licht. Giovanna...?«, frage ich unsicher. »Wer weiß«, lacht die Frau mit den blauen Augen und amüsiert sich über meine Verwirtheit. Ich habe gelernt, mich zu revanchieren. Möchte vielleicht jemand mit mir eine Cola trinken?, frage ich wie nebenher. Der glückliche Cola-Freak kommt augenblicklich nach vorn, und die Blauäugige verschwindet in der Versenkung. Später bemerkt Giovanna beiläufig: »Du bist bald fertig mit deiner Arbeit, nicht wahr ?« Als ich nicke, sagt sie erleichtert : »Dann kehrt endlich wieder Ruhe bei uns ein.«

Die Namen der Hauptperson, der Psychologin und der Ärztin wurden von der Redaktion geändert.

Das System Giovanna. Wie soll man anderen die verwirrende Pluralität des eigenen Innenlebens verdeutlichen ? Diese Papierfiguren anzufertigen war die Idee einer Sozialarbeiterin, die der multiplen Persönlichkeit Giovanna half. Farbe und Größe veranschaulichen jeweils das Geschlecht und Alter der 44 Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die alle zum Gruppenportrait Giovanna gehören. Manche sind, wie einst das Gewaltopfer, »eingerollt« oder »weggedreht«. Jede Figur hat eine Aufgabe, jeder gab Giovanna einen - oft poetischen Namen: »Rapunzel« etwa trägt ihre Verzweiflung. »Klinge« taucht auf, wenn Giovanna sich selber Verletzungen zufügt. »Alpha«, »Beta«, »Gamma«, »Delta« bezeichnen ihre Selbstmordversuche. Die »Große« Frau hat ihre Kinder geboren. »Sonnenschein« kann Vertrauen zeigen.



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Zuletzt aktualisiert am 20.01.2010

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