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So lange bin ich vogelfrei
Mein Leben als Straßenkind

Sabrina Tophofen

In Zusammenarbeit mit Veronika Vattrodt

9,95 € [D]  ISBN 978-3-40106550-2

Arena, Juli 2010


Mit 11 Jahren reißt Sabrina aus einem geschlossenen Heim in Duisburg aus und flüchtet mit der S-Bahn nach Köln. Am Hauptbahnhof steigt das zierliche kleine Mädchen aus- ohne irgendjemanden zu kennen oder zu wissen, wo sie leben kann. Ihr Leben auf der Straße beginnt...

Dieses Buch ist kein Roman, sondern gibt die wahren Erlebnisse der mittlerweile dreißigjährigen Sabrina Tophofen wieder. Was neu ist für mich beim Schreiben dieser Rezension: Ich kenne Sabrina sehr gut. Denn auch ich war obdachlos und wir lernten uns 1997 im Mäc-Up, einer sozialen Einrichtung des SkF Köln e.V. kennen. Ich selbst bin 10 Jahre älter und kam erst als Erwachsene wirklich auf die Straße. Mit dreizehn Jahren bin auch ich nach Köln abgehauen, allerdings kam ich schnell wieder nach Hause. Damals habe ich einige Straßenkinder gesehen. Aber keines war so jung wie Sabrina.

1990 begann ich in Köln meine Berufsausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel in einem Schuhgeschäft auf der Schildergasse. Mein täglicher Weg zur Arbeit und wieder zurück führte über die Domplatte und auch durch den Hauptbahnhof. Dieser war damals verhältnismäßig trist. Die Colonaden, also die ganzen Geschäfte und was es sonst in dieser Form dort gibt, existieren erst seit Ende der Neunziger. Nachts konnte der Hauptbahnhof schon ein wenig unheimlich und beängstigend wirken, dunkel und grau. Es hielten sich auch jede Nacht dort Menschen auf, denen ich nicht einmal unbedingt tagsüber, geschweige denn nachts begegnen möchte...

Als Sabrina 1992 im Kölner Hauptbahnhof aussteigt, ist es mitten in der Nacht. Die Domplatte wird Teil ihres Lebens auf der Straße sein für mehrere Jahre. Sie findet schnell Freunde unter anderen Straßenkindern. Eins dieser Straßenkinder ist Jenny, auch sie werde ich fünf Jahre später kennenlernen. Aber Sabrina ist mit ihren elf Jahren die Jüngste von ihnen. Täglich gehe ich durch den Hauptbahnhof über die Domplatte, um schließlich zur Schildergasse zu gelangen, wo sich mein Ausbildungsbetrieb befindet. Sicher kreuzen sich schon jetzt unsere Wege. Aber im Gewimmel der hektischen Millionenstadt mit zahlreichen Touristen, die täglich die Stadt und vor allem auch den Dom besuchen, nehme ich das zierliche kleine Mädchen gar nicht wahr. Viel zu sehr bin ich gedanklich damit beschäftigt, welche der hochwertigen Schuhe ich mir im Geschäft kaufen könnte, ich bekomme ja reichlich Prozente. Auch allgemein bin ich sehr viel mit meinem Äußeren beschäftigt. Bereits jetzt lese ich aber auch viel.

Sabrina hat Angst, aufzufallen und so in das Heim zurück gebracht zu werden nach Duisburg. Schon mit ihren elf Jahren hat sie einiges erleben müssen, was ihre Seele erschüttert. Mit 10 Jahren verläßt sie bereits ihr Elternhaus und kommt in ein geschlossenes Heim. Sie entwickelt sich zu einer Kämpferin, die es schafft auf der Straße zu überleben - und ihr schließlich auch zu entkommen.

Nur langsam kann sie Vertrauen entwickeln und sich auf einen Betreuer der Treberhilfe einlassen, der im 'Boje'-Bus hinter dem Hauptbahnhof arbeitet. Die Boje ist ein ausrangierter Bus der Kölner Verkehrsbetriebe, der vollständig mit Graffities besprüht wurde. Im Bus arbeiten von montags bis freitags Sozialpädagogen, die sich in ihrer Arbeit ganz den Kindern und Jugendlichen widmen, deren Mittelpunkt die Straße ist - oder die ganz auf der Straße leben. Sabrina und Jenny gehören zu diesen Kindern. Zwischenzeitlich können ihre Betreuer sie in Hotelzimmern unterbringen. Das geht jedoch nicht lange gut, Sabrina zieht in mehrere Hotels ein und auch bald wieder aus.

Ihr Leben ist gepägt von Hunger und Durst, Angst vor der Polizei, ihrem Vater und vor dem Heim, Kälte und Gefühlen, die Purzelbäume schlagen. Ihre neuen Freunde nehmen sie in ihre Mitte, sie bekommt von ihnen den Namen Topi. Auf der Platte bekommt sie das erste Geschenk ihres Lebens, zu ihrem 12. Geburtstag. Neben dem Römisch Germanischen Museum machen ihre Freunde für sie eine kleine Party.

So manche Erfahrung mit der Polizei bleibt ihr nicht erspart. Manche Begegnung zieht den unfreiwilligen Rückweg in das verhasste geschlossene Heim nach sich, aus dem sie alsbald erneut flüchtet - zurück nach Köln. Einem Polizisten beginnt sie zu vertrauen, Gregor Hoffmann. Er ist es auch, der ihr rät, sich bei der Treberhilfe betreuen zu lassen, um nicht erneut in ein anderes Heim zu kommen. Er hatte mit ihrer Mutter gesprochen und versteht, warum Sabrina niemals dorthin zurück will. Allerdings hat ihre Mutter auch keinerlei Interesse darn, auch nicht daran, wo sich ihrer inzwischen zwölfjähige Tochter aufhält.

Sabrina beginnt zu kiffen und LSD zu nehmen. Ein Trip wird zum Horrortrip, ihre Gefühle werden noch intensiver, ihre Angst, ihre Gedanken und sie gerät außer sich. In ihrer alltäglichen Angst in der großen Stadt besinnt sich Sabrina auf einen Satz ihres Vaters. "Du musst immer darauf achten, dass du den ersten Schlag austeilst!". Immer wieder besinnt sie sich auf diesen Rat und greift andere Menschen körperlich an, bevor sie angegriffen werden könnte.

Im Café Mäc-Up, einer Einrichtung für Mädchen und junge Frauen erlebt sie an Heiligabend ihr erstes Weihnachtsfest und bekommt auch dort etwas geschenkt. Es gibt leckeres Essen und sie daruf sich aus den Kleiderspenden etwas zum Anziehen mitnehmen. Auch hier kann Jenny sie überzeugen, dass die Sozialarbeiterinnen nicht die Polizei, das Jugendamt oder ihre Eltern anrufen werden. Auch lernt sie den alten Wartesaal kennen, der jedes Jahr an Heiligabend für Obdachlose geöffnet ist und wo es auch warmes Essen gibt. Es ist Sabrinas erster Winter auf der Straße. Wenige Jahre später werde auch ich im Winter obdachlos sein. Nur bin ich da wenigstens erwachsen. Ab und zu kommt es vor, dass ich als Auszubildende morgens sehe, dass im Winter bei 10 Grad Kälte obdachlose Männer erforen sind in der vergangenen Nacht und auf einer Bank liegen - direkt zwischen den beiden Kölner Filialen des Unternehmens. Elegant gekleidet, mit schicken teuren italienischen Schuhen an den Füßen auf weichem Teppichboden stehend im kuschelig warmen Geschäft, bringen solche Situationen schlagartig die Realität auf der Straße kurze Zeit ins Warme. Wie mir im Geschäft gesagt wird, erneut mit Entsetzen den Verstorbenen bedauernd, das sei hier normal in Köln und auf der Schildergasse. Lange hält das Mitgefühl nicht an, bis zum nächsten Mal...und so weiter. Sabrina erlebt draußen jenseits geheizter Räume und heißem Kaffee mehrere Winter. Tag für Tag. Immer wieder auf ein Neues.

Wie hart das ist, erlebe ich im Winter 1994 bis zum Frühling 1995 selbst. Meine Ausbildung habe ich 1993 erfolgreich abgeschlossen, etwas mehr als ein Jahr in Siegburg in einem anderen Schugeschäft gearbeitet. Es geht alles Schlag auf Schlag. Ich habe mich in einen Mann verliebt, der leider nicht wirklich die besten Vorstellungen darüber hat, wie ich seiner Meinung nach leben sollte. Natürlich zeigt er das nicht offen. Mit 'Vorstellungen über mein Leben' ist gemeint, dass versucht wird, mich zur Prostitution zu bringen. Und da ich das strikt ablehne auch gegen meinen Willen. Auf Rat meiner besten Freundin erstatte ich Anzeige gegen die beiden Männer, nicht gegen meinen Immer-Wieder-Freund. Streit mit meinen Eltern habe ich ohnehin immer wieder, gehe ihnen im Haus weitestmöglich aus dem Weg. Mit der Strafanzeige jedoch verschärft sich meine Situation. Einen Tag vor meinem 24. Geburtstag kann ich jetzt gehen. Zu allem Überfluss verliere ich meinen Arbeitsplatz. So schnell kann man obdachlos werden! Erst bin ich fünf Wochen bei Freunden in Eitorf, zwischenzeitlich für ebenso fünf Wochen in Siegburg, wo ich bei jemand wohne, dessen Freundin auisgezogen ist und der mir ein Zimmer untervermietet. Als er mir den Hals zudrückt, schaffe ich es ihn wegzudrücken, ich treffe auf beiden Seiten einen Schmerzpunkt. Er läßt los, verlässt wütend die Wohnung und ich kurze Zeit auch - aus Angst. Ich nehme ein paar Sachen, rufe eine Freundin an und fahre zu ihr nach Bergisch-Gladbach. Davon, dass es Einrichtungen wie das Mäc-Up gibt habe ich noch keine Ahnung. So finde ich mich ab dem 28. Dezember 1994 auf der Straße. An Silvester erlebe ich selbst, wie sich 10 Grad Kälte auf der Straße anfühlen - ohne etwas zu Essen oder zu Trinken. "Ein schönes neues Jahr! Passen Sie auf, dass Sie nicht einschlafen, sonst stiehlt Ihnen noch jemand etwas." Die Kälte gräbt sich in mein Gedächtnis, meine Seele. Am Neujahrstag kann ich jedoch etwas warmes essen und trinken. Ein junger türkischer Familienvater, so um die Dreißig kauft mit mir in Köln-Mühlheim in einer Straße eine türkische Hühnersuppe und etwas zu trinken. Mit meinem Humor schaffe ich es wenigstens nachts nicht draußen sein zu müssen "Ich führe zur Zeit einen allgemeinen Sofatest durch und habe mich heute mal für deins entschieden!" Meist funktioniert das, wegen meines Humors und nur deshalb heißt es. Meistens heißt nicht jede Nacht. Nach der Kälte kommt ein Jahrhunderthochwasser in Köln. Ich bekomme nasse Füße,, eigentlich bin ich völlig duzrchnässt und bin über Wochen krank. Durch Unterkühlung sind beide Ohren so sehr entzündet, dass sie über Jahre empfindlich bleiben werden. Die Muskeln zwischen meinen Rippen entzünden sich. Nachts kann ich zeitweise in Hennef im Schloss Allner schlafen bei einem Freund. Da er sich das Leben nehmen will, womit niemand rechnet, setzt er mich vor die Tür und fordert seinen Wohnungsschlüssel zurück. In Bonn hat der Prozess vor dem Landgericht begonnen, wo ich auch Nebenklägerin bin für 5 Verhandlungstage. Nachdem ich erneut eine kalte Nacht ganz im Freien verbracht habe, diesmal in Troisdorf, darf ich für wenige Wochen ins Haus meiner Eltern und mir auch direkt etwas Warmes zu Essen machen. Auch bekomme ich eines meiner Sparbücher aus dem Tresor, weil ich Freunden einen Kleiderschrank abgekauft hatte, der noch zu bezahlen ist. Außerdem gehe ich jetzt erstmal endlich zum Friseur, meine Haare haben draußen sehr gelitten und blass bin ich auch. Deshalb gehe ich ab und zu auf die Sonnenbank. In Bergisch-Gladbach und Köln gehe ich shoppen, dass setze ich nach dem Prozess fort. Und in einem italienischen Restaurant in einem alten Haus in der Innenstadt von Bergisch-Gladbach gehe ich alleine essen. Am letzten Verhandlungstag erfahre ich vom Suizid des Freundes aus Hennef. Er war ein Nachbar des damals gegnerischen Anwalts. Mit Freunden organisiere ich einen Kranz für die Beerdigung und fahre dafür nach Köln-Dellbrück, bestelle dort den Kranz und noch ein kleines Gesteck von mir alleine. Auf die Schleife lasse ich ein selbst verfasstes Gedicht drucken. Seine Eltern werden nach der Beerdigung das Gesteck ganz nach vorne legen, so dass jeder das Gedicht lesen kann. Das berührt mich sehr. Als Entschädigung nach dem Prozess und als Auftakt in einen neuen Lebensabschnitt - ohne Obdachlosigkeit setze ich das Shoppen fort: Wäsche, italienische Schuhe aus der 'Grünen Ladenstraße' in Bergisch-Gladbach und und und. Das sind die teursten Schuhe meines Lebens, aber meine Eltern scheinen das zu verstehen jetzt. Verkehrte Welt? Wenn ich das schreibe, überfällt mich ein schlechtes Gewissen gegenüber Sabrina - und auch Jenny. Die Aufenthaltsberechtigung bei meinen Eltern war keineswegs für unbestimmte Zeit. Ich ziehe nach Bergisch-Gladbach wieder zu meiner Freundin und ihrer kleinen Tochter. Mittlerweile bekomme ich auch endlich mein Arbeitslosengeld. Weil ich obdachlos war und mich nicht dort aufhielt, wo ich gemeldet war, bekam ich keine müde Mark. Bald finde ich einen Arbeitsplatz in einer Werbeagentur. Da ich im Haus meiner Eltern an meine Papiere gekommen war, kaufe ich mir für die Arbeit und das Leben auf dem Land ein Auto. Im Juli 1995 ziehe ich in meine erste Wohnung nach Overath. Und es kehrt erstmal Ruhe ein. Die hält nicht lange an...Aber es dauert noch zwei Jahre, bis ich Sabrina kennenlerne.

Sabrina lernt viele Menschen kennen auf der Straße, nicht nur ihre Freunde, die ihr helfen und bei denen sie als Kind Beschützerinstinkte weckt. Ein Freund, der für sie da ist, bleibt ihretwegen sogar nachts auf der Straße, obwohl er selbst keineswegs obdachlos ist, sondern bei seiner Mutter lebt. Die Regeln des Lebens der Straße lernt sie mit der Zeit kennen. Obwohl ich das eine oder andere Bild aus dem Buch bereits kenne, irritieren auch mich die Fotos aus den Jahren 1992. Ein zwölfjähriges Kind, das trotz allem auch gerne lacht und Blödsinn macht. Ein auch sehr ernstes zierliches Mädchen mit kurzen dunklen Haaren, das sehr aggressiv und wütend werden kann. Wie lässt sich das am besten beschreiben? Und möchte es wirklich jeder gerne hören oder lesen - über ein Mädchen, dass als Straßenkind in Deutschland lebt - mitten in Köln? Sabrina beschreibt alltägliche Situationen aus ihrem Leben auf der Straße, wie sie immer wieder passieren im Leben von Obdachlosen. Es ist der tägliche Kampf ums Überleben. Das mag daher geredet wirken von mir, aber es ist tatsächlich so. In einzelnen Abschnitten erzählt sie auch Erlebnisse aus ihrer Kindheit bei ihren Eltern und auch aus dem Heim, aus dem sie die Flucht ergreift. Da möchte man dieses Kind am liebsten in Sicherheit bringen, an einen Ort wo es geliebt wird, gut versorgt ist und zur Schule gehen kann. Die Realität sieht leider anders aus, die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Auch wenn ich Sabrina selbst seit Anfang Juli 1997 persönlich kenne und einiges von dem, was ich im Buch lese seit Jahren weiß, muss ich mich stellenweise daran erinnern weiter zu atmen. So groß ist mein Entsetzen. Ihre Mutter zieht sie an den Haaren aus dem Klassenzimmer, misshandelt sie vor aller Augen und es hat keine wirklichen Konsequenzen. Kurz darauf zeigt sie ihren Vater bei der Polizei an und wird vom Jugendamt in dem geschlossenen Heim untergebracht. Dieses Buch dürfte niemanden kalt lassen. Sabrina erzählt ihr Leben auf der Straße so, als geschehe es gerade jetzt. Da ich die beschrieben Plätze in Köln selbst kenne, macht dies das Buch für mich noch lebendiger.

Als Sabrina 14 Jahre alt wird, erlebt sie sehr bald und schmerzhaft, dass sie nun nicht mehr vogelfrei ist, wie sie es bis dahin nannte. Sie kommt mit Freunden in Untersuchungshaft in der JVA Köln, in das Zugangshaus 17 für Jugendliche. Weil sie außer sich gerät, kommt sie für drei Stunden in den "Bunker". Nach fünf Wochen, zwei Tagen und sechs Stunden ist sie wieder frei. Sie will ihr Leben ändern. Das hat sie sich fest vorgenommen. Erstmal lebt sie wieder mit ihrer Freundin Peggy gemeinsam in ihrem gemeinsamen Appartement. Wenn sie nicht allein leben muss, klappt es besser. Allerdings wird Peggy bald ausziehen, sie ist an einen Zuhälter geraten und arbeitet lieber für ihn, als dass er sich von ihr trennen würde. Einerseits schüttel ich mit dem Kopf, allerdings ohne moralisch über sie zu urteilen. Das steht mir nicht zu. Ich kenne sie nicht einmal und vielemehr frage ich mich: Was ist da schiefgelaufen in ihrem bisherigen Leben?

Erneut erlebt Sabrina Gewalt, auch auf der Straße. Und schließlich verliebt sie sich in Jens. Bald wird er sie zuhause in der gemeinsamen Wohnung einsperren und immer wieder schlagen, demütigen. Plötzlich stellt sie beim Baden fest, dass ihr Bauch bis an die Wasseroberfläche reicht. Dabei ist sie nach wie vor sehr zierlich und schlank. Nun ist sie schwanger, bereits im 5. Monat. Zu dieser Zeit bin ich bereits einige Monate erneut obdachlos, lebe in einem Hotel, in dem mich die Polizei untergebracht hat. Sehr bald werden Sabrina und ich uns kennen lernen.

Einer der 1995 verurteilten Täter und mein Immer-Wieder-Freund waren mit dem Ausgang dieses Prozesses so gar nicht zufrieden, auch nicht damit, dass die Revision vom Bundesgerichtshof zurückgewiesen wurde. Im Oktober 1995 wurde ich gezwungen, meine damaligen Aussagen gegen diesen Täter zurück zu ziehen, was an sich ja juristisch nicht geht so eben. Ich erlebte meine erste Morddrohung, direkt ins Gesicht. Es sollte nicht die letzte bleiben. Wegen der Bedrohungen fiel ich in eine schwere Depression, erlebte Alpträume und sich bildlich aufzwängende Erinnerungen, von denen mir später erklärt wurde, die nenne man Flashbacks. Jedenfalls waren sie quälend, auch die Erkenntnis, meine Wohnung nicht halten zu können, mein Auto und nicht zu wissen, ob ich wirklich ermordet würde und das dann erleben zu müssen. Ich bekam erstmals Personenschutz nach Karneval 1996. Ende März brachte mich mein Anwalt nach einem Suizidversuch, nach Merheim in die Psychiatrie. Zudem hatte ich einen folgenschweren Autounfall, das Auto hatte einen wirtschaftlichen Totalschaden und meine Wirbelsäule war fast ganz durchgebrochen. Das hatte mir zu allem Überfluss so gerade noch gefehlt. Die diensthabende Ärztin in Merheim, sie ist nur drei Jahre älter als ich, nahm sich zwei Stunden Zeit, bis ich freiwillig da blieb. Ende Mai wurde meine Wohnung geräumt, etliche Sachen wurden gestohlen und einige Möbel vorsätzlich beschädigt. Der Vermieter hat die verbliebenen Sachen eingelagert. Seit dem 28. Mai 1996 bin ich Kölnerin, ein Imi, wie man hier sagt: Imigrant bedeutet das. Und dennoch werde ich bis Januar 2000 keine Wohnung haben.

Im Januar 1997 werde ich entlassen. Vom Wohnungsamt erhalte ich ein Hotelzimmer in Köln-Kalk. Meiner Sicherheit wegen bekomme ich mit Hilfe von Polizei und Wohnungsamt kurzfristig ein neues Einzelzimmer in einem Hotel, dass einer Sozialpädagogin gehört. Ich wohne jetzt in Longerich. Wer beschlossen hat, jemand ermorden zu lassen, der droht nicht mehr. Das macht den Personenschutz in Deutschland nicht leichter. Und es gibt Menschen, die auch Geduld haben, selbst wenn sie jemand umbringen sollen. Solange nämlich, bis der Personenschutz eingestellt wird, weil bislang nichts passiert ist. Im Juni erlebe ich eine der schlimmsten Nächte meines Lebens. Aber ich habe überlebt! Zum Glück ist die Hotelinhaberin Sozialpädagogin und steht mir regelmäßig zur Seite.

Auch kurz vor der Geburt der gemeinsamen Tochter schreckt Jens nicht davor zurück, Sabrina zu schlagen. Immer wieder klettert sie aus dem Küchenfenster, um zu ihrer Nachbarin und Freundin Gabi. Gabi verarztet sie dann auch, regelmäßig. Schließlich schafft Sabrina sich auch körperlich zu wehren gegen Jens, auch wenn sie hierbei einige Schrammen davon trägt. Für sie bahnt sich ein neues Leben an, sie kämpft. Das hat sie gelernt, lernen müssen.

Da mir im Hotelzimmer in Longerich die Decke auf den Kopf fällt, versuche ich es dann doch mal, mich in dieses Mäc-Up zu begeben. Ich wünsche mir einen Ort, wo ich mich nicht rechtfertigen muss für meine Erfahrungen, nicht moralisch verurteilt werde. Es ist Anfang Juli. Den ersten Besuch dort werde ich, denke ich, nie vergessen. Es ist ein Donnerstag Nachmittag. Die Öffnungszeit ist fast vorbei und die beiden Sozialpädagoginnen sind nur noch alleine da. Der Esstisch ist abgeräumt. Ich erzähle in wenigen Sätzen, warum ich komme und in welcher Situation ich gerade bin, dass auch mehrfach im Fernsehen darüber berichtet wurde bei RTL und SAT 1. Beim Erzählen blicke ich in zwei ungläubig und entsetzt blickende Gesichter. So richtig vorstellen können sie sich das nicht. Sowas hat habe es dort noch nie gegeben, wird man mir Jahre später sagen, dass eine Frau plötzlich die Einrichtung betritt, die derartige Erfahrungen mit dieser Form organisierter Kriminalität hat. Für den nächsten Tag laden sie mich ein, beim ersten Mal könne ich umsonst mit frühstücken. Ob ich mich hier wirklich angenommen und akzeptiert fühlen werde, weiß ich noch nicht so recht. Ich bin fast 27 Jahre alt jetzt, kann so gerade noch Besucherin sein und darf bleiben. Am nächsten Tag komme ich pünktlich zum Früstück. Sabrinas Freundin Jenny ist eine der Ersten, die ich hier kennen lerne. Sehr bald lerne ich nun auch Sabrina kennen, sie wird bald ihr erstes Kind bekommen und wird Ende August siebzehn Jahre alt. Ich mag sie. Auf mich wirkt sie zerbrechlich, sehr empfindsam. Was sie wohl erlebt haben mag? Und all die anderen? Jede einzelne? Ich melde mich am 18. August am Abendgymnasium in der Gereonmühlengasse an, um das Abitur zu Ende zu machen. In Eitorf war ich 1989 nach der 11 abgegangen. Einige im Mäc-Up finden das wohl ziemlich schräg und irgendwie scheint mir das kaum jemand zuzutrauen. Aber ich will zurück in ein 'normales' Leben, ich will studieren. Und dafür brauche ich nun mal das Abitur. Ein Polizeibeamter, der usprünglich auch aus Eitorf kommt, bestärkt mich darin, mich sofort anzumelden, gestern habe das neue Schuljahr begonnen.

Ende August kommt Sabrinas älteste Tochter zur Welt. Ein hübsches Mädchen mit blonden Locken. Sabrina selbst hat ganz dunkle Haare und einen recht dunklen Teint. Über Jahre werden wir uns hier wieder sehen, an Heiligabenden hier feiern und Fondue essen, kleine Geschenke bekommen. Sie ist nicht mehr obdachlos. Erst im Laufe der Jahre werde ich immer mehr aus ihrem Leben erfahren. So unterschiedlich unsere Familien an sich sein mögen, aus denen wir kommen, wir beide werden bemerken, wie viel wir doch gemeinsam haben. Auch ich bin eine Kämpferin geworden, nur war ich nicht als Kind auf der Straße, sondern erst als Erwachsene. Während ich ihre Tochter heranwachsen sehe, mache ich in zwei Jahren das Abitur und beginne zu studieren. Es ist nicht so, weil alle, die dort hingehen, ihre eigene Geschichte haben und Gewalt erleben mussten, ihren eigenen Weg gehen, dass alle sich deshalb gleichermaßen mögen. Das ist ja auch ganz natürlich.

Zwar gehe ich gelegentlich noch ins Mäc-Up, habe mich aber an sich zwölfeinhalb Jahren am 8. Januar diesen Jahres verabschiedet als Besucherin. Die Sabrina hat sich selbst im Laufe der Jahre ein anderes, stabiles Leben aufgebaut. Sie hat ihren Schulabschluss gemacht, eine Ausbildung und ihren Führerschein. Nie wieder habe ich eine Frau kennengelernt, die annähernd so jung war, als sie als Kind in Köln auf die Straße kam. Sie hat sich Ziele gesteckt, die sie auch erreicht hat. Und vor allem, was sie früher gar nicht kannte: Sie hat einen Menschen gefunden, der sie aufrichtig liebt, ihren Mann. Das mag vielleicht oberflächlich und ein wenig nach einem kitschigen Happy-End klingen. Aber das wäre unfair und entspräche nicht der Realität. Denn das Leben in der Gegenwart außerhalb von allem, was mit Odachlosigkeit und der Straße zu tun hat, die gewissermaßen eine Art Ersatzfamilie wurde und auch ohne je die Erfahrung einer stabilen und liebevollen Bindung an die Eltern, ist alles andere als leicht. Das bedeutet auch eine regelmäßige Konfrontation mit bisherigen Verhaltensmustern, die für den täglichen Überlebenskampf notwendig und hilfreich waren. Das ist ein langer Weg und passiert nicht einfach so. Vom Überleben zum Leben zu finden ist nicht selbstverständlich.

Das Buch berührt mich sehr und ich freue mich von ganzem Herzen für Sabrina, dass sie in Herbert ihren Mann gefunden hat und bewundere ihren Mut, sich für das Buch so intensiv nach so langer Zeit zu erinnern und auch sehr schmerzlichen Erfahrungen so wiederzugeben, als sei man als Zuschauer dabei. Dabei, wenn sie als Elfjährige durch viele Erwachsene über die Domplatte läuft oder zur Boje. Auch die Bilder im Buch geben ein wenig davon wieder. Bei der Entstehung des Fotos während der Schwangerschaft mit ihrem 2. Kind war ich selbst anwesend. Ich freue mich jetzt etwas über ihr Buch etwas schreiben zu können. Es ist mir ein besonderes Anliegen, das von Herzen kommt. Auch wenn ich mit Neugier gelesen habe, es war mir nicht möglich, es in einem Stück zu lesen. Zum einen, weil ich sie so viele Jahre kenne, wir einige Gemeinsamkeiten gefunden haben und nicht zuletzt natürlich, weil ich sie sehr gerne mag und ins Herz geschlossen habe.

Links weiterführende Informationen:

Auf Achse gGmbH Treberhilfe Köln

B.O.J.E.

Die B.O.J.E. ist ebenfall wie das Café Mäc-Up eine niederschwellige Einrichtung und zwar der Treberhilfe 'Auf Achse'. B.O.J.E. steht für Beratung für Jugendliche und junge Erwachsene. Die B.O.J.E. befindet sich direkt hinter dem Kölner Hauptbahnhof in einem alten und umgebauten Linienbus der Kölner Verkehrsbetriebe, der von außen bunnt besprüht ist. Das Angebot der B.O.J.E. ist für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen grundsätzlich freiwillig. Sie können sich dort einfach aufhalten, etwas trinken und essen. Auch können sie sich, wenn sie wollen beraten lassen oder auch Kondome sowie bei Bedraf Einwegspritzen erhalten.

Der mobile Dienst des Gesundheitsamts der Stadt Köln bietet auch dort Sprechstunden mit einem Arzt und einer Krankenschwester an.

Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter helfen auch in Einzelgesprächen weiter, auch mit der Hilfe bei der Suche weiterer Unterstützungsmöglichkeiten oder beispielsweise einer Notschlafstelle.

Die Auf Achse gGmbH bietet jedoch weit mehr Hilfen an als ihren Bus hinter dem Kölner Hauptbahnhof. Wie in Sabrinas Buch zu lesen ist, hat sie dort einen Betreuer gefunden, der ihr in verschiedensten Situationen zur Seite stand. Er hat ihr beispielsweise Hotelzimmer organisiert oder sie in der JVA Köln besucht. Auch war er bei ihrer Gerichtsverhandlung, wo sie frei gesprochen wurde.

Weitere Möglichkeiten der Individuellen Hilfen sowie weitere Angebote sind auf der Homepage der Auf Achse gGmbH zu finden

Café Mäc-Up

Das Café Mäc-Up besteht seit 1988 und ist eine Einrichtung des Sozialdienst katholischer Faruen Köln e.V. Sie ist konzipiert als Schon- und Schutzraum für Mädchen und junge Frauen, die auf der Straße leben, die Gewalt erleben mussten, Drogen nehmen oder auch der Prostitution nachgehen. Männer dürfen die Einrichtung nicht betreten. Die Besucherinnen können dort frühstücken bzw. zweimal in der Woche zu Mittag essen, ins Internet gehen zur Wohnungssuche beispielsweise oder auch für einen Therapieplatz, waschen, duschen, nach Kleidung gucken und sich einfach unterhalten. Für Kinder gibt es eine kleine Spielecke. Wer müde und erschöpft ist, kann sich auch in das Bett legen um sich auszuruhen. Besucherinnen, die Hilfe benötigen, denen es schlecht geht oder in Entgiftung wollen beispielsweise, können mit den Sozialarbeiterinnen sprechen und, wenn sie möchten Unterstützung erhalten. Im Haus gibt es weitere Angebote des SkF Köln e.V., die eng zusammen arbeiten. Angegliedert an das Café Mäc-Up sind beispielsweise das ambulante Betreute Wohnen (BeWo) für suchtkranke Frauen, die Straffälligenhilfe, das Clearingwohnen für suchtkranke Mütter oder auch das Mäc-Up Geestemünderstraße. Letzteres ist eine gemeinsame Arbeit am eigens dafür verlegten Straßenstrich außerhalb des Sperrgebiets. Dort können Prostituierte ab 18 Jahren sicherer arbeiten als dies früher in der Innenstadt der Fall war und erhalten auch dort die Möglichkeit, sich aufzuwärmen, etwas zu essen oder trinken und auch mit jemand zu sprechen. Auch Polizeibeamte sind dort vor Ort, jedoch zum Schutz der dort arbeitenden Frauen. In früheren Zeiten, war es gerade auch für Frauen gefährlich, die auf den Straßenstrich am Reichenspergerplatz gingen innerhalb des Sperrgebiets, um das Geld für ihre Drogen zu verdienen. Immer wieder kam es zu Vergewaltigungen. Da sie aber auch stets auf der Flucht waren vor der Polizei, um Platzverweise zu vermeiden, war das Leben dieser Frauen umso mehr belastet. An der Geestemünderstraße erhalten sie einen geschützten Rahmen, zu dem auch Zuhälter keinen Zutritt haben. Wenn sie aussteigen wollen aus der Prostitution, erhalten sie Unterstützung durch die Sozialarbeiterinnen. Ebenso wie im Café Mäc-Up auch, gibt es einmal wöchentlich eine ärztliche Sprechstunde durch den mobilen Dienst des Gesundheitsamts.

Café Mäc-Up
Gereonstraße 13
50670 Köln
Telefon: 0221 - 133 55 7
Sozialdienst katholischer Frauen Köln e.V.

Gregor Hoffmann

Sabrina erwähnt mehrfach in ihrem Buch den Polizeibeamten Gregor Hoffmann. Nach wie vor arbeitet er in Köln und zwar in der Polizeiinspektion Mitte. Sein Bezirk umfasst das Agnesviertel, das Geronsviertel und den Mediapark. Herr Hoffmann ist Ansprechpartner für die Hauptschule Gereonswall, die Grunschule Gereonswall und das Hansagymnasium.

Polizei Köln

Im Gereonsviertel befindet sich auch seit Sommer 2005 innerhalb des Corneliushaus das Café Mäc-Up sowie weitere Angebote des Sozialdienst katholischer Frauen Köln e.V..



Monika Kreusel www.blumenwiesen.org Buch des Monats Oktober 2010

Zuletzt aktualisiert am 21.09.2010


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