Die folgende Übung 'Verstehen ermöglicht Mitgefühl' war Bestandteil eines Vortrages von Thich Nhat Hanh, den er in einem amerikanischen Gefängnis gehalten hat. Du findest sie in dem Buch 'Frei sein, wo immer du bist', erschienen im Theseus-Verlag.

Verstehen ermöglicht Mitgefühl

Verstehen ist der Grundstoff, aus dem wir Mitgefühl herstellen. Von welcher Art von Verstehen spreche ich hier? Es ist das Verstehen, dass auch der andere Mensch leidet. Wenn wir selbst leiden, neigen wir leicht zu dem Glauben, dass wir die Opfer anderer Menschen seien und die einzigen, die leiden. Doch das ist nicht richtig - der andereMensch leidet ebenfalls. Auch er hat seine Schwierigkeiten, seine Ängste und Sorgen. Gelingt es uns, den Schmerz in ihm wahrzunehmen, beginnen wir, ihn zu verstehen. Und wenn Verstehen gegenwärtig ist, wird auch Mitgefühl möglich.
Nehmen wir uns in unserem alltäglichen Leben ausreichend Zeit, uns um einen tiefen Einblick in die innere Situation des anderen Menschen zu bemühen? Der andere Mensch mag ein Gefängnisinsasse oder ein Wärter sein. Wenn wir ihn eingehend betrachten, können wir wahrnehmen, dass auch der andere eine große Menge Leiden in sich trägt. Vielleicht weiß er nicht, wie er sein Leiden bewältigen kann. Und weil er es nicht zu bewältigen weiß, läßt er zu, dass sein Leiden wächst, wodurch für ihn und die Menschen in seiner Umgebung weiteres Leiden entsteht. Durch die Übung eingehenden Betrachtens, die Übung der Achtsamkeit, könnt ihr Verstehen entwickeln, und euer Verstehen wird wiederum euer Mitgefühl stärken.. Und indem die Energie des Mitgefühls euch hilft, euer eigenes leiden zu verringern, wächst gleichzeitig eure Motivation, etwas zu tun - oder etwas zu lassen-, was auch das Leiden des anderen Menschen verringern hilft. Allein die Weise, wie ihr ihn anschaut oder ihm zulächelt, hilft ihm vielleicht, weniger zu leiden und ebenfalls in der Energie des Mitgefühls Vertrauen zu finden.
ich sehe meine Praxis als Übung, Mitgefühl zu entwickeln. Ich weiß aber auch, dass Mitgefühl nicht ohne Verstehen möglich ist. Und Verstehen ist nur möglich, wenn wir uns Zeit nehmen, alles tief und eingehend zu betrachten. Meditation bedeutet, intensiv zu schauen, um verstehen zu können. In dem Kloster, in dem ich lebe, steht uns viel Zeit für die Arbeit des intensiven Schauens zur Verfügung. Doch auch in einer Haftanstalt gibt es viel Zeit und viele Gelegenheiten, intensives Schauen zu üben. Sie ist sogar eine sehr gute Umgebung, um intensives Schauen zu üben, so dass Mitgefühl als eine befreiende Kraft wachsen kann. Wenn nur einer, vielleicht aber auch zehn oder zwanzig von euch, mitfühlendes Schauen übt, bin ich mir sicher, dass ihr diesen Ort im Handumdrehen tief greifend verwandeln könnt. Ihr könnt das Paradies hierher bringen, es manifestieren, genau hier.
Für mich ist das Paradies ein Ort, an dem Mitgefühl gegenwätig ist. Wenn Mitgefühl in euren Herzen ist, braucht ihr nur ein- und auszuatmen und intensiv zu schauen, um Verstehen herbeizuführen. Ihr werdet zunächst euch selbst verstehen können und euch selbst mit Mitgefühl begegnen - ihr werdet wissen, wie ihr euer eigenes Leiden bewältigen und gut für euch selbst sorgen könnt. Dann werdet ihr dieses Wissen auch einem anderen Menschen vermitteln können, und die Energie des Mitgefühls wird zwischen euch wachsen und erstarken. Auf diese Weise werdet ihr zu einem Buddha, einem Bodhisattwa, der Mitgefühl ins eine Umgebung hineinbringt und die Hölle in ein Paradies verwandelt.. Das Himmelreich Gottes existiert jetzt oder niemals. Dies ist die grundlegende Wahrheit. Und es könnte sein, dass ihr hier drinnen über mehr Gelegenheiten verfügt, erfolgreich zu üben, als viele andere Menschen sie an anderen Orten haben.



Achtsamkeit    Wohlfühl-Oase



Monika Kreusel

Zuletzt aktualisiert am 16.02.2007

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