In dem folgenden Textauszug geht es um die möglichen Gründe für das Meditieren und um auch um die Sitzhaltung. Wichtig bei der Sitzmeditation, eine Position zu wählen, in der du wenigstens 20 bis 30 Minuten sitzen kannst. Nun aber zu Thich Nhat Hanh:

Warum sollten wir meditieren? Der erste Grund ist, dass wir alle die Erfahrung völliger Ruhe und Erholung brauchen. Auch der nächtliche Schlaf schenkt uns meist keine völlige Ruhe. Wir drehen und wälzen uns, die Gesichtsmuskeln sind angespannt, und ständig träumen wir - das kann man kaum Ruhe nennen. Genauso wenig ist es wirkliche Ruhe, wenn wir uns am Tage hinlegen, uns dabei aber immer noch unruhig fühlen und von einer Seite auf die andere wälzen. Mit ausgestreckten, lockeren Armen und Beinen auf dem Rücken liegen, kein Kissen unter dem Kopf - das ist eine gute Stellung für die Atemübung und das Entspannen aller Muskeln. Allerdings schläft man so auch leicht ein. Deshalb kommen wir mit der Meditation im Liegen auch nicht so weit wie mit der Sitzmeditation. Im Sitzen hingegen können wir völlige Ruhe finden, unsere Meditation vertiefen und alle Sorgen und Schwierigkeiten auflösen, die unser Bewusstsein in Aufregung versetzen und blockieren.

Viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Vietnam sind in der Lage, in der Lotoshaltung zu sitzen, den linken Fuß auf dem rechten Oberschenkel und den rechten Fuß auf dem linken. Andere können im halben Lotos sitzen, den linken Fuß auf dem rechten oder den rechten Fuß auf dem linken Oberschenkel. In unserem Meditationskreis in Paris gibt es allerdings auch Menschen, die sich in keiner der beiden beschriebenen Haltungen wohlfühlen, und deshalb habe ich ihnen gezeigt, wie man auf die japanische Art sitzt - man kniet und ruht auf den Beinen. Wenn man sich ein Kissen unter die Füße legt, kann man im Allgemeinen über eine halbe Stunde so sitzen. Es ist für die meisten Menschen aber nicht schwer zu lernen, im Halblotos zu sitzen, auch wenn es am Anfang etwas schmerzt. Nach einigen Wochen der Übung finden viele diese Haltung dann durchaus bequem. In der Anfangszeit können Sie, wenn die Schmerzen zu unangenehm sind, ab und zu die Beinstellung ändern oder eine andere Stellung einnehmen. Bei der Position im Lotos oder im Halblotos empfiehlt es sich, auf einem Meditationskissen zu sitzen, damit beide Knie den Boden berühren. Wenn Sie so an drei Punkten Ihres Körpers (beide Knie und Gesäß) den Boden berühren, wird Ihre Haltung sehr stabil. Halten Sie den Rücken aufrecht. Das ist sehr wichtig. Nacken und Kopf sollten in einer Linie mit der Wirbelsäule verlaufen. Diese Linie sollte gerade sein, aber nicht so, dass Sie sich steif fühlen wie ein Stück Holz. Richten Sie den Blick ein, zwei Meter vor sich auf den Boden. Wenn es Ihnen möglich ist, bewahren Sie Ihr Halblächeln.

Beginnen Sie jetzt damit, Ihre Atemzüge zu zählen und alle Muskeln zu entspannen. Konzentrieren Sie sich darauf, die Wirbelsäule aufrecht zu halten und dem Atem zu folgen. Lassen Sie alles andere los. Alles! Versuchen Sie, Ihre sorgenvoll angespannten Muskeln im Gesicht mit einem Halblächeln zu lockern. Automatisch beginnen sich dann alle Gesichtsmuskeln zu entspannen. Je länger Sie das Halblächeln bewahren, desto besser. Es ist das gleiche Lächeln, das wir auf dem Gesicht des Buddha erkennen können.

Nun legen sie Ihre linke Hand mit der Innenfläche nach oben in Ihre rechte. Entspannen Sie alle Muskeln in den Händen, Füßen, Armen und Beinen. Lassen Sie alles los. Seien Sie wie eine Wasserpflanze, die sich im Rhythmus der Strömung bewegt, während unter der Wasseroberfläche bewegungslos das Flussbett liegt. Halten Sie an nichts fest außer am Atem und an Ihrem Halblächeln.

Für Anfänger empfiehlt es sich, nicht länger als zwanzig bis dreißig Minuten zu sitzen. In dieser Zeit können Sie durchaus zu vollkommener Ruhe gelangen. Die Methode, mit der wir zu dieser Ruhe kommen, beruht auf zwei Dingen: dem Beobachten des Atems und dem Loslassen. Achten Sie also auf den Atem und lassen Sie alles andere los. Entspannen Sie jeden Muskel im Körper. Nach etwa fünfzehn Minuten können Sie tiefe Ruhe finden, voll innerer Freude und innerem Frieden. Bewahren Sie diese Ruhe und diesen Frieden.

Dieser Textausschnitt stammt aus dem Buch Das Wunder der Achtsamkeit von Thich Nhat Hanh, erschienen 2001 im Theseus-Verlag. Marsha Linehan hat übrigens dieses Buch als Grundlage für etliche Achtsamkeitsübungen für die Dialektisch Behaviorale Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung (DBT) verwendet.

Thich Nhat Hanh


Foto: Courtesy of Plum Village Practice Center, France

Achtsamkeit

Wohlfühl-Oase



Monika Kreusel

Zuletzt aktualisiert am 06.03.2006

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